Nach Athen lockt die geistige Akropolis Griechenlands

Im Herzen Athens, wo sich Geschichte und Geist zu einem einzigartigen kulturellen Erbe verweben, steht sie noch immer stolz und ehrwürdig: die Nationale und Kapodistrias-Universität Athen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Aktuell – Als eine der ersten Bildungsstätten im östlichen Mittelmeerraum und die älteste Universität des modernen Griechenlands trägt sie nicht nur das Wissen vieler Generationen, sondern auch die Spuren einer Nation, die stets zwischen Mythos und Moderne wandelte.

Gegründet am 3. Mai 1837 unter dem Namen „Ottonische Universität“ durch den bayerischen Prinzen und ersten König Griechenlands, Otto I., verkörpert diese Institution den Aufbruch eines neu gegründeten Staates, der sich nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft neu formierte – geistig wie politisch. In einer Zeit, in der die nationale Identität Griechenlands noch zart und unsicher war, wurde diese Universität zum Symbol eines freien, selbstbewussten Griechenlandes. Die ersten vier Fakultäten – Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Kunst – spiegelten nicht nur den klassischen Bildungskanon wider, sondern auch die enge Verwurzelung mit der hellenistischen Antike und dem byzantinischen Erbe.

Der Einfluss deutscher Bildungsphilosophie war in der Gründungsphase deutlich spürbar. Die Organisatoren Georg Ludwig von Maurer und Joseph von Armansperg brachten die Ideen Fichtes und Humboldts in das junge Griechenland, und viele der ersten Professoren waren Philhellenen, deutsche Wissenschaftler, die entweder König Otto nach Griechenland begleitet hatten oder während des Unabhängigkeitskrieges ins Land kamen. Ihr Beitrag zur geistigen Wiedergeburt Griechenlands war ebenso bedeutend wie der bewaffnete Kampf auf dem Schlachtfeld.

Im November 1841 bezog die Universität ein neues Hauptgebäude – ein neoklassizistisches Meisterwerk des dänischen Architekten Hans Christian Hansen. Es wurde zum Teil jenes architektonischen Ensembles, das später als „neoklassische Trilogie“ weltberühmt wurde. Dieses Gebäude ist nicht nur eine Stätte der Bildung, sondern auch ein Denkmal, das die Renaissance antiker Formen in der neuzeitlichen griechischen Identität manifestiert.

Auch in den Folgejahren blieb die Universität ein lebendiger Spiegel gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen. 1864 wurde nach der Auflösung der Ionischen Akademie eine Reihe bedeutender Wissenschaftler an die Universität Athen berufen. Unter ihnen war auch Theodor von Heldreich, ein Botaniker deutscher Herkunft, der bis 1883 das Naturhistorische Museum der Universität leitete – ein Zentrum naturwissenschaftlicher Forschung in einem Land, das sich oft selbst nur über seine Vergangenheit definierte.

1890 wurde mit der Zulassung von Ioanna Stefanopoli an die Philosophische Fakultät ein weiterer Meilenstein gesetzt: Zum ersten Mal in der Geschichte der Universität erhielt eine Frau Zugang zur akademischen Bildung – ein Ereignis, das die gesellschaftlichen Strukturen ebenso herausforderte wie erweiterte.

Das 20. Jahrhundert brachte strukturelle Veränderungen mit sich. 1904 wurde die Universität in die Bereiche Künste und Naturwissenschaften gegliedert – ein Schritt zur Modernisierung der Lehre. Trotz dieser Reformen blieb die Zahl der Fakultäten bis 1975 nahezu konstant, während sich innerhalb der bestehenden Fachbereiche Spezialisierungen entwickelten – etwa die Abspaltung der Zahnmedizin von der Humanmedizin oder die Herausbildung der Mathematik aus der Philosophie. Zwischen 1837 und 1975 war fast die Hälfte der Studierenden in der Rechtswissenschaft eingeschrieben – ein Ausdruck der tiefen Verwurzelung juristischer Tradition in der griechischen Bildung.

Ein erheblicher Anstieg der Studierendenzahl führte zu einer drastischen Veränderung des Betreuungsverhältnisses: Kamen 1837 noch fünf Studierende auf einen Professor, so waren es 1975 bereits 132. Um dem Platzmangel zu begegnen, begann 1960 der Umzug auf den neuen Campus Ilissia – ein moderner Standort, der das historische Erbe jedoch nicht verdrängte. Noch heute werden das prachtvolle Hauptgebäude und die ursprüngliche Bibliothek für feierliche Anlässe und ausgewählte Lehrveranstaltungen genutzt.

Heute besteht die Universität aus sechs Fakultäten: Theologie, Philosophie, Gesundheitswissenschaften, Rechtswissenschaften, Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften sowie der naturwissenschaftlichen Fakultät. Ergänzt wird das akademische Spektrum durch eigenständige Institute, die von Frühpädagogik bis hin zu Kommunikationswissenschaften reichen. Besonders die Theologische Fakultät, tief verwurzelt in der griechisch-orthodoxen Tradition, setzt ein Zeichen für das enge Band zwischen Bildung und Spiritualität – ein Band, das bis in byzantinische Zeiten zurückreicht.

Über die Jahrhunderte hinweg hat die Nationale und Kapodistrias-Universität Athen ihren Platz nicht nur in Griechenland behauptet, sondern sich zu einem bedeutenden intellektuellen Zentrum Europas entwickelt. 2014 war sie mit über 100.000 eingeschriebenen Studierenden die größte Präsenzuniversität des Kontinents. Ihre historische Rolle, ihre kulturelle Bedeutung und ihr fortwährendes Streben nach Wissen machen sie zu einem lebendigen Zeugnis der griechischen Bildungsreise von der Antike bis in die Gegenwart. (sk)

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de, CC BY-SA 3.0 de, wikimedia.org