Palazzolo Acreide – eingebettet in die grünen Ausläufer der Monti Iblei auf Sizilien, 43 Kilometer südwestlich von Syrakus, liegt ein Ort, der mehr ist als ein malerisches Barockstädtchen: Er ist ein Fenster in die antike griechische Welt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Die Geschichte von Palazzolo Acreide, UNESCO-Welterbestätte seit 2002 und Teil der Vereinigung I borghi più belli d’Italia, beginnt weit vor barocken Kirchenfassaden – im Jahr 664 v. Chr., als syrakusanische Siedler die Stadt Akrai gründeten.

Diese griechische Kolonie diente als strategischer Stützpunkt zur Kontrolle der Handelswege in den südlichen Teil Siziliens. Akrai entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Ort der hellenistischen Kultur, bis die Stadt gegen Ende der römischen Ära an Bedeutung verlor. Nach der arabischen Zerstörung im 9. Jahrhundert n. Chr. blieb das Areal verlassen, bis im 12. Jahrhundert unter den Normannen ein neues Zentrum entstand: das heutige Palazzolo.
Besonders eindrucksvoll sind die archäologischen Stätten von Akrai, die sich unmittelbar außerhalb des heutigen Ortes befinden. Im Mittelpunkt steht das griechische Theater, errichtet unter Hieron II. im 3. Jahrhundert v. Chr., das trotz seiner relativ kleinen Kapazität von etwa 600 Zuschauern zu den besterhaltenen Theatern der Antike zählt. Mit Blick auf den Ätna versammeln sich hier jedes Jahr im Mai junge Theaterstudenten, um klassische Tragödien an ihrem Ursprungsort aufzuführen – ein lebendiges Erbe hellenistischer Kunst.
Auch die dorischen Tempel, darunter ein der Aphrodite geweihter Bau, und die geheimnisvollen Santoni – zwölf monumentale, in Fels gehauene Figuren aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die dem Kybelekult dienten – zeugen von der tief verwurzelten griechischen Spiritualität dieser Region. Noch heute beeindruckt die Symbiose aus Natur, Glaube und steinerner Pracht.
Obwohl Palazzolo Acreide nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 barock wiederaufgebaut wurde, bleibt die griechische Seele spürbar – in der Anordnung der alten Straßen, in der Ausrichtung sakraler Orte und im kulturellen Gedächtnis der Bewohner. Wer Palazzolo Acreide besucht, begegnet nicht nur einem der schönsten Orte Italiens, sondern einer Stadt, in der das alte Griechenland in jedem Stein nachhallt – eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (sk)





