Wo der Pythagoras lehrte und Helena verewigt wurde: Eine Spurensuche in Crotone, dem antiken Kroton.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Crotone – Wer heute an die italienische Küstenstadt Crotone denkt, mag ihren Namen vielleicht mit Sonne, Meer und mediterraner Lebensart verbinden. Doch wer tiefer gräbt – in der Erde wie in der Geschichte –, stößt auf griechische Spuren, die bis in die mykenische Zeit zurückreichen und das einstige Kroton als leuchtenden Stern der griechischen Kolonisation in Süditalien erscheinen lassen.
Gegründet im späten 8. Jahrhundert v. Chr. von achäischen Griechen, war Kroton Teil der berühmten Magna Graecia. Hier lebte nicht nur der berühmte Philosoph Pythagoras, der die Stadt zu einem Zentrum philosophischer und ethischer Erneuerung machte – auch der Maler Zeuxis soll hier das Idealbild der Helena geschaffen haben. Kroton war eine Polis, deren Einfluss in Politik, Kunst, Sport und Medizin weit über den Golf von Tarent hinausstrahlte.
Schon lange zuvor jedoch bestanden enge kulturelle Kontakte mit dem griechischen Mutterland. Mykenische Keramikfragmente aus dem 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. belegen frühe Verbindungen zum ägäischen Raum. Die Siedlung am heutigen Standort Crotones war somit bereits vor der offiziellen Stadtgründung ein Knotenpunkt griechischer Kultur und Handelsbeziehungen.
Nur wenige Kilometer südöstlich liegt Capo Colonna, die antike Kultstätte Lakinion mit dem imposanten Tempel der Hera Lakinia. Hier tagte der Italiotische Bund – ein Zusammenschluss griechischer Städte gegen italische Völker. Hannibal selbst erkannte die strategische Bedeutung dieses Ortes: Während des Zweiten Punischen Krieges ließ er dort sogar eine zweisprachige Inschrift anbringen – ein Symbol der kulturellen Schnittstelle zwischen griechischer Tradition und der turbulenten Weltmachtpolitik jener Zeit.
Kroton brachte nicht nur Philosophen und Künstler hervor, sondern auch olympische Helden wie Milon, den legendären Ringer. Seine medizinische Schule galt im 6. Jahrhundert v. Chr. als führend in der antiken Welt. Doch mit dem Aufstieg Roms begann der Niedergang. Die griechische Identität der Stadt wurde durch Kriege, Umsiedlungen und politische Umwälzungen zunehmend überlagert.
Heute ist Crotone eine moderne Kleinstadt mit rund 58.000 Einwohnern – ein Zentrum für Landwirtschaft und einst auch für die Chemieindustrie, deren Erbe allerdings Schatten wirft: hohe Umweltbelastungen und überdurchschnittliche Krankheitsraten sind die Folge.
Doch trotz allem lebt das griechische Erbe in Crotone weiter – im Museo Archeologico, in den Ruinen von Lakinion, in der Kathedrale mit byzantinischer Madonna, in den Straßennamen, den Partnerschaften mit griechischen Städten und nicht zuletzt im kulturellen Gedächtnis der Region Kalabrien. Es ist eine Erinnerung an eine Zeit, in der der Blick nach Osten nicht Rückblick, sondern Aufbruch bedeutete. (sk)





