Zwischen Titanenkraft und Reiselust: Der griechische Blick auf den Frankfurter Hauptbahnhof

Von Griechenland inspiriert: Die verborgenen Spuren antiker Mythologie in einem der bedeutendsten Verkehrsknoten Europas.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Aktuell/Kunst & Kultur – Frankfurt am Main – pulsierendes Finanzzentrum, kulturelle Metropole – und Heimat eines Bahnhofs, der täglich Hunderttausende in Bewegung setzt. Der Frankfurter Hauptbahnhof ist nicht nur ein logistisches Meisterwerk, sondern auch ein Ort stiller Geschichten. Wer jedoch mit erhobenem Blick unter das monumentale Portal tritt, begegnet dort einem stillen Wächter der Welt: Atlas, der Titan der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt. Eine Figur mit antiken Wurzeln, interpretiert von einem Schweizer: dem Bildhauer Gustav Herold.

Foto: lapping/Pixabay

Diese symbolträchtige Skulpturengruppe ist mehr als Zierde – sie ist ein Portal in eine Welt antiker Vorstellungen von Kosmos, Macht und Ordnung, eingebettet in das industrielle Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Denn Atlas wird in Frankfurt nicht allein dargestellt: Unterstützt wird er von den Allegorien des Dampfes und der Elektrizität – zwei Motoren des technischen Fortschritts seiner Zeit. Hier verschmelzen Mythos und Moderne zu einer künstlerischen Vision, wie sie wohl nur in der Ära des Historismus denkbar war.

Gustav Karl Martin Herold (1839–1927), der aus dem Schweizer Liestal stammte und später als Frankfurter Bürger wirkte, schuf dieses Meisterwerk in den Jahren 1886/87. Seine Schulung an der Wiener Kunstakademie und am Städelschen Kunstinstitut schärfte seinen Sinn für klassische Formen und Ausdruckskraft – das antike Erbe war seine permanente Inspirationsquelle. Zahlreiche seiner Werke – etwa die Skulpturen am Opernhaus Frankfurt oder die Francofurtia am Schauspielhaus – belegen seine Vorliebe für allegorische und mythologische Themen.

Die Verbindung nach Griechenland liegt nicht allein im Motiv, sondern im Geist des Bahnhofs selbst. Denn der Frankfurter Hauptbahnhof wurde in der Tradition der „großen Torbauten“ geplant – einer architektonischen Idee, die bis in die Antike zurückreicht. Als der „Centralbahnhof Frankfurt“ 1888 eröffnet wurde, war er nicht nur Europas größter Bahnhof, sondern auch ein Symbol des Aufbruchs – einer Agora der Moderne, durchzogen vom Geist klassischer Monumentalität.

Dass die Skulptur des Atlas 2014 für rund 200.000 Euro saniert wurde, unterstreicht ihren kulturellen Stellenwert. Heute erhebt sich die Figur, 6,5 Meter hoch und 4,5 Tonnen schwer, über einem der meistfrequentierten Bahnhöfe Deutschlands – Tag für Tag gesehen, oft übersehen. Doch wer sie erkennt, erkennt auch die stille Verbindung zwischen Frankfurt und dem alten Griechenland.

Ein weiteres Denkmal erinnert seit 2019 im Eingangsbereich des Silberturms an Gustav Herold. Es besteht aus einem Originalstein der Bahnhofsfassade und einer Bronzebüste – geschaffen von einem Künstlerkollektiv, unterstützt von der Deutschen Bahn. Es ist eine Geste an einen Künstler, der Frankfurt mit antiker Seele versorgte.

Reisende aus Athen oder Thessaloniki, die heute in Frankfurt ankommen, werden nicht selten vom Anblick dieses titanischen Symbols überrascht. Vielleicht erinnert sie Atlas an Prometheus, an Herakles oder an die endlosen Linien des griechischen Horizonts. Vielleicht fühlen sie sich auch einfach nur willkommen – in einer Stadt, die ihre Verbindung zu Griechenland nicht laut verkündet, aber in Stein gehauen hat.

Tipp für kulturinteressierte Reisende:
Ein kurzer Blick nach oben beim Verlassen der Haupthalle genügt – und der Titan grüßt. Für alle, die die Verbindung zur griechischen Mythologie vertiefen möchten, lohnt sich ein Spaziergang weiter zur Alten Oper oder ein Besuch der nahegelegenen Städel-Schule, wo Herold einst selbst Schüler war.

Reise-Essenz:
Frankfurt empfängt nicht nur mit Bahnanschlüssen – sondern mit Mythen aus Marmor und Bronze. Wer den Atlas trägt, trägt die Welt – und trägt ein Stück Griechenland bis ins Herz Europas. (sk)

Foto: lapping/Pixabay