Der Muttertag ist heute ein fester Bestandteil unseres Kalenders – ein Tag voller Dankbarkeit, Blumen und liebevoller Gesten. Doch seine Ursprünge sind vielschichtiger, als es der moderne Brauch vermuten lässt. Zwischen antiken Göttinnen und kämpferischen Frauen des 19. Jahrhunderts spannt sich ein Bogen, der zeigt: Der Muttertag ist auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung und Wertschätzung.
Von HB-Redakteurin Maria Papadaki
Aktuell – Schon im antiken Griechenland wurde die Mutter im göttlichen Sinne verehrt. Die Göttin Rhea, Mutter von Zeus, Hera und Poseidon, galt als Sinnbild der Fruchtbarkeit und des Ursprungs allen Lebens. Ihr zu Ehren wurden im Frühling Feste gefeiert – ein Ausdruck tiefer Verbundenheit mit der schöpferischen Kraft der Frau. Auch die Römer ehrten mit Kybele, der „Großen Mutter“, das weibliche Prinzip in all seiner Macht und Wildheit.
Doch der Schritt vom mythischen Kult zur gesellschaftlichen Anerkennung der realen Mutter dauerte viele Jahrhunderte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es die Zeit der Frauenbewegung, die dem Muttertag neues Leben einhauchte. In den USA setzte sich Ann Maria Reeves Jarvis für die Gründung eines Mothers Friendships Day ein, bei dem sich Mütter über soziale Fragen austauschten und gegenseitig unterstützten. Ihre Idee: Mütter als aktive Gestalterinnen der Gesellschaft sichtbar zu machen.
Die Vision wurde von Julia Ward Howe weitergeführt, die 1870 den Mother’s Day for Peace ins Leben rief. Mit ihrer Forderung, dass Mütter ihre Söhne nicht mehr dem Krieg opfern sollten, verband sie das Ideal der Mutterschaft mit einer klaren politischen Botschaft – eine Verbindung von Liebe, Verantwortung und gesellschaftlichem Engagement.
Auch in Europa wuchs das Bewusstsein für die Rolle der Frau und Mutter. Ab den 1860er-Jahren engagierten sich Frauenvereine für Bildung, Gleichberechtigung und Frieden. In den 1890ern entstand der Internationale Frauenrat, der sich unter anderem für mehr gesellschaftliche Anerkennung von Müttern einsetzte – eine Bewegung, die grenzüberschreitend wirkte.
Seit 1914 ist der Muttertag als offizieller Feiertag in den USA etabliert und breitete sich bald darauf in vielen weiteren Ländern aus – auch in Griechenland, wo er heute wie in Deutschland am zweiten Sonntag im Mai gefeiert wird. Dort trifft die moderne Form des Muttertags auf die reiche Tradition des Landes: eine symbolische Rückkehr zu den alten Wurzeln, als Göttinnen wie Rhea in prachtvollen Ritualen geehrt wurden.
So ist der Muttertag nicht nur ein Tag der Liebe, sondern auch einer der Geschichte. Er verbindet das Antike mit dem Gegenwärtigen, das Persönliche mit dem Politischen – und ehrt all jene, die Leben schenken, tragen und bewahren.
Im Namen der Mutter
Von Maria Papadaki
Schon in Tempeln, längst vergangen,
klangen Lieder, zart und bang,
für Rhea, die das Leben schenkte,
die Himmel, Erde, Meer durchdrang.
Im Tanz der Zeit, durch Krieg und Wandel,
blieb die Mutter stets besteh’n,
als Trost in Sturm und sanfte Stimme,
die lehrt zu tragen, zu versteh’n.
Kybele, Göttin, stark und wild,
in Frühlingsfesten laut verehrt –
ihr Ruf lebt fort in jenen Herzen,
die lieben still, gerecht, unbeschwert.
Dann kamen Stimmen aus dem Schatten,
nicht laut, doch klug und voll Gewicht –
sie forderten: Lasst Mütter sprechen,
für Frieden, Bildung, Gleichgewicht.
Jarvis rief die Mütter zusammen,
Ward Howe schrieb Verse gegen Krieg –
aus Götterkult wurde Bewegung,
aus stummer Liebe – ein politischer Sieg.
Und heute, wenn wir Rosen schenken,
uns leise „Danke“ sagen trauen,
dann stehen wir auf uraltem Grund,
gebaut aus Stärke, Herz und Frauen.
Ein Tag – so schlicht, so tief bedeutend,
ein Blütenzweig im Jahreslauf.
Doch trägt er Würde, Mut und Herkunft,
und hört nicht bei Geschenken auf.





