In der griechischen Mythologie gelten die Danaiden als Inbegriff der ewigen Qual – der verzweifelten Mühe ohne Aussicht auf Erlösung.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou
Götter & Gelehrte – Die fünfzig Töchter des Königs Danaos, die sogenannten Danaiden, mussten auf väterlichen Befehl in ihrer Hochzeitsnacht ihre Ehemänner, die Söhne des Aigyptos, ermorden. Nur eine von ihnen, Hypermestra, widersetzte sich und verschonte ihren Bräutigam Lynkeus, da er sie achtete und ihre Jungfräulichkeit unangetastet ließ. Die übrigen Danaiden jedoch vollzogen die Bluttat und trugen die Köpfe der ermordeten Gatten ihres Vaters als makabres Zeichen ihres Gehorsams.
Für dieses Verbrechen wurden die Danaiden nach ihrem Tod grausam bestraft: Im Tartaros, der tiefsten Schicht der Unterwelt, mussten sie zur Strafe auf ewig Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen – ein Symbol sinnloser Arbeit und ewiger Buße. Das Schicksal der Danaiden spiegelt nicht nur die Stärke göttlicher Vergeltung, sondern auch die Macht der übergeordneten Ordnungen wider. Noch heute bezeichnet der Begriff „Danaidenarbeit“ eine Mühe ohne Ende, ein Unterfangen, das wie ein Fass ohne Boden niemals Früchte tragen wird.
Danaos und Aigyptos, Zwillingsbrüder und Erben des Königs Belos, stritten erbittert um das väterliche Erbe. Aigyptos schlägt eine Lösung vor: eine Massenhochzeit zwischen seinen fünfzig Söhnen und den fünfzig Töchtern des Danaos. Danaos argwöhnte jedoch eine List und floh nach einer Orakelwarnung mit seinen Töchtern nach Griechenland. Doch Aigyptos gab nicht auf und sandte seine Söhne nach Argos, um die Eheschließungen doch noch durchzusetzen. Schließlich stimmte Danaos von Durst und Belagerung zu – nicht ohne einen letzten Racheplan.
Die Gottheiten Athene und Hermes versuchten, die Taten der Danaiden zu sühnen, doch die Totenrichter verurteilten die Töchter Danaos‘ zur ewigen Strafe. Ihre Buße: das ewige Schöpfen von Wasser in einem zerbrochenen Fass, das niemals gefüllt werden würde. So wurden sie zur Verkörperung endlosen, sinnlosen Tuns, eines unausweichlichen Schicksals.
Manche Deutungen, wie die des Mythologen Robert von Ranke-Graves, sehen in den Danaiden eine Manifestation alter Mondpriesterinnen. Sie sollen für Fruchtbarkeit und Regen gebetet haben, um das Land vor Dürre zu bewahren. Ihre mythologische Bestrafung – Wasser schöpfen für die Ewigkeit – wird als symbolische Verlängerung ihrer priesterlichen Aufgabe erklärt: Der endlose Kreislauf von Wasser und Mondzyklen, der Versuch, das Land fruchtbar zu machen, bleibt ihnen über den Tod hinaus auferlegt.
Das tragische Schicksal der Danaiden inspirierte zahlreiche Kunstwerke. So schuf Aischylos in seiner Trilogie „Die Schutzflehenden“ eine dramatische Darstellung des Konflikts zwischen Gehorsam und Liebe. Aphrodite selbst trat in dieser Erzählung als Verteidigerin von Hypermestra auf, die aus Liebe handelte und so den Kreislauf von Leben und Fruchtbarkeit fortsetzte.
Musikalisch wurde das Thema in der Oper „Les Danaïdes“ von Antonio Salieri verewigt, die das Verhängnis der Danaiden in düsteren Klängen einfängt und das Epos mit einem großen Finale im Tartarus krönt. Auch der Bildhauer Auguste Rodin schuf mit seiner Skulptur „Die Danaiden“ eine eindringliche Darstellung der verfluchten Last und symbolischen Qual der fünfzig Schwestern. (sd)





