Während in vielen Teilen der Welt Adventskalender die Zeit bis Weihnachten verkürzen, gibt es in der griechisch-orthodoxen Tradition eine ganz besondere Art, die Tage bis Ostern zu zählen: Kyra Sarakosti, die personifizierte Fastenzeit.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Aktuell/Kultur – Doch wer ist diese geheimnisvolle Figur, die jedes Jahr aufs Neue die Küchen, Kindergärten und Herzen der Griechen erobert? Ein Blick auf eine faszinierende Tradition, die tiefe Wurzeln in der Kultur und Spiritualität des Landes hat.
Für griechisch-orthodoxe Christen ist Ostern das höchste religiöse Fest. Die Fastenzeit, auch Sarakosti genannt, dient der Vorbereitung auf die Feier der Auferstehung Christi. Sie dauert insgesamt 48 Tage – beginnend am Kathara Deftera und endend um Mitternacht am Karsamstag. Der Begriff Sarakosti leitet sich vom griechischen Wort saranta ab, was „vierzig“ bedeutet, und erinnert an das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste. Die Tradition wurde bereits im 4. Jahrhundert eingeführt und hat sich bis heute bewahrt.
In Griechenland neigt man dazu, abstrakten Dingen ein Gesicht zu geben. So wurde auch die Fastenzeit personifiziert: Kyra Sarakosti (κυρά Σαρακοστή), die „Frau Fastenzeit“, wurde geboren. Doch sie ist keine klassische Schönheit – im Gegenteil! Ihre Gestalt ist von Symbolik durchdrungen:
- Sie hat keinen Mund, um daran zu erinnern, dass während der Fastenzeit nicht nur auf bestimmte Speisen, sondern auch auf Klatsch und Tratsch verzichtet werden soll.
- Ihre Ohren fehlen, um zu verdeutlichen, dass man sich nicht von Verlockungen ablenken lassen soll.
- Ihre Hände sind im Gebet gefaltet – ein Zeichen der Besinnung und Spiritualität.
- Auf ihrem Kopf trägt sie ein Kreuz als Zeichen der Ehrfurcht.
- Sie hat sieben Beine – eines für jede Woche der Fastenzeit. Jeden Sonntag wird eines davon abgebrochen, um die verbleibende Zeit bis Ostern zu symbolisieren.
Traditionell wurde Kyra Sarakosti von Hausfrauen aus einem schlichten Teig geformt – bestehend aus Wasser, Mehl und Salz. Die Teigpuppe war nicht zum Verzehr gedacht, sondern diente als langlebige Erinnerung an die Fastenzeit. In vielen Haushalten hing sie in der Küche und begleitete die Familie auf dem Weg zu Ostern. Heutzutage basteln Kinder in Schulen und Kindergärten Kyra Sarakosti aus Papier oder Stoff und verzieren sie mit bunten Farben.
Besonders spannend ist das letzte verbleibende Bein von Kyra Sarakosti. Am Karsamstag, dem letzten Tag der Fastenzeit, wird es abgebrochen und auf eine besondere Weise verwendet: Es wird in den traditionellen Osterkuchen Tsoureki, in eine getrocknete Feige oder in einen Salat versteckt. Wer das Bein findet, soll im kommenden Jahr mit Glück gesegnet sein – ähnlich wie die Bohne im Dreikönigskuchen oder die Münze im britischen Weihnachts-Pudding.
Was für ein wunderbares Spiel für Kinder! Die Fastenzeit zum Anfassen – mit ihren eigenen Händen kneten sie den Salzteig, formen eine Frau mit sieben Beinen, verzieren sie mit Nelken, Pfeffer und Kardamom und zählen die Füße genau ab. Ein kreativer und lehrreicher Brauch, der nicht nur Freude bereitet, sondern auch das Bewusstsein für Traditionen schärft.
So kann man Kyra Sarakosti selbst herstellen:
Zutaten:
- 1 Tasse Wasser
- 1 Tasse Salz
- 3 Tassen Mehl
Anleitung:
- Die Zutaten zu einem glatten Teig verkneten. Falls er zu trocken ist, etwas mehr Wasser hinzufügen.
- Den Teig auf etwa 1 cm Dicke ausrollen und die Figur ausschneiden: Körper, Rock, Kopf, Arme und natürlich sieben Beine.
- Die Einzelteile mit etwas Wasser aneinander befestigen und mit Gewürzen verzieren.
- Im Backofen bei 160°C (Umluft) ca. 30 Minuten trocknen lassen. Wichtig: Die Figur darf nicht braun werden, sondern soll nur aushärten.
- Nach dem Backen kann man sie aufhängen oder als Zählhilfe für die Fastenzeit nutzen.
Ob aus Teig oder Papier – Kyra Sarakosti lebt in der griechischen Kultur weiter. Sie ist ein faszinierendes Symbol der Fastenzeit, das Jung und Alt verbindet. Wer zur Osterzeit Griechenland besucht, kann die „Frau Fastenzeit“ in Geschäften, Cafés oder in privaten Haushalten entdecken. Sie erinnert daran, dass Ostern nicht nur ein Fest der Freude ist, sondern auch eine Zeit der Vorbereitung und Besinnung. (mv)





