Kunst, Geschichte und verschlüsselte Wahrheiten: Telemachos Pateris zeigt „Twin Trials“ in Volos

Die aktuelle Ausstellung in der Delta Art Gallery verbindet Skulptur und Philosophie mit der Frage nach historischem Gedächtnis und Gerechtigkeit.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris

Volos – Wer schreibt Geschichte? Wer entscheidet darüber, was als Wahrheit gilt, und wie gerecht sind die Urteile, die eine Gesellschaft über ihre Vordenker fällt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Ausstellung „Twin Trials“ des griechischen Künstlers Telemachos Pateris in der Delta Art Gallery in Volos. Noch bis zum 7. November 2026 lädt die Ausstellung dazu ein, historische Zeugnisse zu entschlüsseln und die Grenzen des eigenen Urteilsvermögens auszuloten.

Die Ausstellung ist als zusammenhängende Installation konzipiert, die Skulptur, Fotografie, Philosophie und Kryptographie miteinander verbindet. Dabei wird der Kunstraum zu einem Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen und das historische Gedächtnis kritisch hinterfragt wird.

Foto: Hellas-Bote

Im Zentrum stehen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die sich im neu gegründeten griechischen Staat für die Erneuerung von Kunst und Wissenschaft einsetzten. Statt Anerkennung erfuhren sie Verleumdung und teilweise ungerechte Verurteilungen. Ihre Arbeit stellte die Interessen weltlicher und religiöser Machtzentren infrage, die sich einer Weiterentwicklung politischer, wissenschaftlicher und kultureller Ideen entgegenstellten.

Zwei Werke widmen sich besonders eindrücklichen Figuren dieser Geschichte: dem satirischen Journalisten Kleanthis Triantafyllos, bekannt als „Rambagas“, und Andreas Laskaratos, einem Dichter und Denker von der ionischen Insel Kefalonia, der exkommuniziert wurde. An ihren Lebensgeschichten zeigt sich, wie eng gesellschaftliche Anerkennung, Macht und die Freiheit des Denkens miteinander verbunden sein können.

Eine weitere Ebene der Ausstellung eröffnet der Blick auf die Archäologie. Einige Arbeiten erscheinen wie archäologische Fundstücke und verweisen auf den Archäologen Stefanos Koumanoudis. Dieser erkannte in Fragmenten antiker Skulpturen ebenso wie in beschädigten oder wiederverwendeten Bauelementen aus byzantinischer und osmanischer Architektur den eigenständigen Wert von Kunstwerken. Was zunächst als Bruchstück oder gewöhnliches Baumaterial erscheint, kann so eine neue Bedeutung erhalten. Auch Pateris lenkt den Blick auf Überliefertes, das erst durch eine veränderte Betrachtungsweise seine Geschichte offenbart.

Die gesamte Installation ist als teilweise verschlüsselte Allegorie angelegt. Der Schlüssel zu ihrer Entschlüsselung findet sich im Wörterbuch des aus Tsagarada stammenden Evangelinos Apostolidis Sophocles. Wer den Zugang zu dieser Chiffre findet, stößt auf Zeugnisse von Menschen, die die historischen Ereignisse aus nächster Nähe miterlebt haben.

Damit erhält das Publikum eine besondere Rolle: Die Besucher werden zugleich zu Forschenden und zu Richtern. Sie sollen die überlieferten Aussagen prüfen, Zusammenhänge herstellen und sich eine eigene Meinung über das Geschehene bilden. Doch gerade darin liegt die philosophische Herausforderung der Ausstellung.

Der Ausstellungstext verweist auf Platons Unterscheidung zwischen richtiger Meinung und Wissen. Eine Person, die ein Ereignis nicht selbst erlebt hat, kann aufgrund von Zeugenaussagen durchaus zu einer zutreffenden Einschätzung gelangen. Eine solche Meinung ist jedoch nicht automatisch mit gesichertem Wissen gleichzusetzen. Selbst ein sorgfältig gebildetes Urteil bleibt damit einer kritischen Prüfung unterworfen.

Foto: Hellas-Bote

„Twin Trials“ führt diesen Gedanken konsequent weiter: Wer die verschlüsselte Installation erfolgreich entschlüsselt, begegnet den Aussagen von Zeitzeugen und versucht, aus ihnen ein möglichst zutreffendes Bild der Vergangenheit zu gewinnen. Doch auch die gewonnenen Erkenntnisse lassen eine entscheidende Frage offen: Wie weit entfernt sich selbst eine gut begründete Meinung noch von der Wahrheit?

So wird die Ausstellung zu mehr als einer historischen Rückschau. Sie thematisiert die Mechanismen, durch die Menschen verurteilt, Ideen unterdrückt und Erinnerungen geprägt werden. Zugleich fordert sie dazu auf, Quellen nicht ungeprüft zu übernehmen und zwischen Vermutung, Überzeugung und tatsächlichem Wissen zu unterscheiden.

Telemachos Pateris wurde 1974 in Volos geboren und lebt seit 1999 in Neapel. 2004 schloss er sein Bildhauereistudium an der Accademia di Belle Arti di Napoli ab; 2006 erwarb er dort einen Masterabschluss im Bereich der bildenden und darstellenden Künste. An der Universität Neapel Federico II studierte er anschließend Philosophie, wo er 2015 einen Bachelor- und 2024 einen Masterabschluss erlangte. Seit 2025 promoviert er an der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen im Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie.

Mit „Twin Trials“ verbindet der Künstler seine bildhauerische Praxis mit philosophischer und historischer Forschung. Die Ausstellung in seiner Geburtsstadt Volos lädt dazu ein, hinter überlieferte Urteile zu blicken und sich einer grundlegenden Frage zu stellen: Wie können wir der Wahrheit näherkommen, wenn selbst unsere vermeintlich gesicherten Erkenntnisse auf den Aussagen und Deutungen anderer beruhen?

Ausstellungsinformationen

„Twin Trials“ – Telemachos Pateris
Delta Art Gallery, Hatziargyri 4, Volos, Griechenland
Laufzeit: bis 7. November 2026

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 11–14 Uhr und 18.30–21 Uhr
Samstag: 11–14.30 Uhr
Sonntag und Montag: geschlossen

Weitere Informationen: www.deltaartgallery.gr und Facebook: Delta Art Gallery Volos. (mav)

Foto: Hellas-Bote