Inmitten der sanften Hügel und fruchtbaren Täler Ost-Phokiens erhebt sich der bescheidene Hügel von Hyampolis, eine antike Stadt, deren Geschichte tief in den Mythen und Legenden Griechenlands verwurzelt ist.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Geschichte/Reisen – Gegründet von den Hyanten, die nach ihrer Vertreibung aus Theben durch Kadmos hier Zuflucht fanden, trägt die Stadt den Namen ihres vermeintlichen Gründers Hyamos, Sohn des Lykoros, der sie nach der großen Deukalionischen Flut errichtet haben soll. Schon Homer erwähnt Hyampolis im Schiffskatalog der Ilias, was auf ihre Bedeutung in der frühen griechischen Welt hinweist.
Strategisch positioniert an der Kreuzung bedeutender Handelsrouten, verband Hyampolis den Süden mit dem Norden Griechenlands. Die Straßen von Orchomenos trafen hier auf die Verbindungen von Livadia nach Opus, was der Stadt eine Schlüsselrolle im Handel und in militärischen Bewegungen verlieh. Diese Lage machte sie jedoch auch anfällig für Invasionen und Konflikte.
Um 490 v. Chr. sah sich Hyampolis einer Invasion thessalischer Truppen gegenüber. Durch eine listige Taktik, bei der leere Amphoren in einem Engpass vergraben wurden, gelang es den Phokern, die thessalische Kavallerie zu besiegen: Die Pferde stürzten in die verborgenen Gruben und brachten Chaos in die feindlichen Reihen. Doch nur ein Jahrzehnt später, während der Perserkriege 480 v. Chr., wurde die Stadt von Xerxes Armee zerstört, ein Schicksal, das sie mit vielen anderen phokischen Städten teilte.
Die folgenden Jahrhunderte brachten weitere Herausforderungen. 395 v. Chr. belagerten die Boioter Hyampolis, jedoch ohne Erfolg. 371 v. Chr. zerstörte Jason von Pherai die ungeschützte Unterstadt auf seinem Rückweg von der Schlacht bei Leuktra. Schließlich fiel die Stadt 346 v. Chr. Philipp II. von Makedonien zum Opfer, der sie erneut zerstörte. Trotz dieser Rückschläge wurde Hyampolis immer wieder aufgebaut und erlebte unter römischer Herrschaft eine Phase der Erneuerung, in der Kaiser Hadrian eine Säulenhalle errichten ließ.
Der Reiseschriftsteller Pausanias, der die Stadt im 2. Jahrhundert n. Chr. besuchte, beschreibt eine Agora, ein Theater und ein Rathaus innerhalb der Mauern. Auffällig ist seine Erwähnung eines einzigen Brunnens, der die gesamte Stadt mit Wasser versorgte, was die Herausforderungen der Wasserversorgung in der Antike unterstreicht. Die Hauptgottheit von Hyampolis war Artemis Elaphebolos, die Hirschjägerin, zu deren Ehren zweimal jährlich Feste gefeiert wurden. Inschriften aus der Zeit Trajans deuten zudem auf die Verehrung ägyptischer Gottheiten wie Serapis, Isis und Bastet hin, was auf kulturelle Vielfalt und religiöse Offenheit der Stadtbewohner schließen lässt.
Heute zeugen die Überreste eines etwa 800 Meter langen Mauerrings aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. von der einstigen Größe der Stadt. Im Norden und Nordwesten sind Teile der Stadtmauer bis zu einer Höhe von drei Metern erhalten, ergänzt durch die Fundamente mehrerer Türme. Im Süden lassen sich spärliche Reste des ehemaligen Stadttores erkennen. Innerhalb der Mauern wurde eine Zisterne entdeckt, die vermutlich der von Pausanias erwähnte Brunnen ist.
Unweit von Hyampolis, etwa fünf Kilometer nördlich bei Kalapodi, befinden sich die Reste eines Heiligtums. Ursprünglich dem Tempel der Artemis Elaphebolos zugeschrieben, deuten neuere Forschungen darauf hin, dass es sich hierbei um das Apollonheiligtum von Abai handelt. Diese Entdeckung unterstreicht die religiöse Bedeutung der Region und bietet Archäologen wertvolle Einblicke in die Kultpraktiken der Antike.
Die Erforschung von Hyampolis begann im frühen 19. Jahrhundert mit den Beschreibungen des englischen Archäologen William Martin Leake. Ende des 19. Jahrhunderts führten A. G. Bather und V. W. Yorke von der British School at Athens systematische Ausgrabungen durch, die unser heutiges Wissen über diese faszinierende Stadt erheblich erweiterten. (jk)





