Im südwestlichen Zipfel der Peloponnes, dort wo das Meer in majestätischer Ruhe die Küste küsst und die Sonne in flüssigem Gold versinkt, liegt Pylos – ein Ort, an dem Griechenlands Geschichte in Stein, Wasser und Wind geschrieben steht.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – In der sanft geschwungenen Bucht von Navarino verschmelzen Jahrtausende zu einem stillen Panorama aus Antike, Kreuzfahrerromantik und modernem Stolz. Pylos, dessen Name „Tor“ bedeutet, bleibt bis heute ein Portal in die Vergangenheit – und ein Fenster zur Seele Griechenlands.
Bereits in der späten Bronzezeit blühte hier ein Zentrum mykenischer Macht. Nur wenige Kilometer nördlich der heutigen Stadt liegen die Ruinen des Palastes von Nestor, jenes legendären Königs aus Homers Ilias. Der „Palast des weisen Greises von Pylos“ zählt zu den am besten erhaltenen mykenischen Bauwerken überhaupt. Über 1000 Tonplomben und Linear-B-Tafeln wurden hier gefunden – eindrucksvolle Zeugnisse der frühgriechischen Verwaltungs- und Schriftkultur.
Die Entdeckung dieser Stätte Mitte des 20. Jahrhunderts ließ Historiker aufhorchen: Der Palast war nicht nur ein Machtzentrum, sondern auch ein kulturelles und wirtschaftliches Herzstück des bronzezeitlichen Griechenlands.
Die strategische Bedeutung von Pylos setzte sich in der klassischen Zeit fort. Während des Peloponnesischen Krieges war die Bucht 425 v. Chr. Schauplatz der berühmten Schlacht von Sphakteria. Der athenische General Demosthenes errichtete hier eine Festung und besiegte in einer der überraschendsten Wendungen des Krieges die spartanische Übermacht. Der Triumph brachte Athen nicht nur militärischen Ruhm, sondern auch spartanische Geiseln – ein entscheidender Hebel für den späteren Nikiasfrieden.
Diese Episode ist nicht nur militärhistorisch bedeutsam, sondern wurde auch von Thukydides in seinem Werk detailliert und dramaturgisch meisterhaft beschrieben – ein literarisches Monument des antiken Griechenlands.
Nach dem Fall Konstantinopels und während der Kreuzzüge fiel Pylos 1205 an das Fürstentum Achaia. Unter wechselnden Namen – Zónglos, Port-de-Jonc, Navarino – wurde der Ort ein begehrter Marinestützpunkt. Venezianer und Osmanen hinterließen eindrucksvolle Festungen: das Palaiókastro (die „alte Burg“) und das Neókastro, das bis heute über die Bucht wacht.
Die Stadt wurde zum Knotenpunkt zwischen Ost und West, ein Brennpunkt der europäischen Machtkämpfe – bis zur Schlacht von Navarino 1827. Hier versank die osmanisch-ägyptische Flotte in den Fluten, vernichtet durch die vereinten Mächte Englands, Frankreichs und Russlands. Der Sieg markierte einen entscheidenden Wendepunkt im griechischen Unabhängigkeitskrieg.
Heute ist Pylos Sitz der Gemeinde Pylos-Nestor und ein malerischer Hafenort mit rund 2.500 Einwohnern. Die Ethniki Odos 9 und 82 verbinden die Stadt mit dem Rest des Peloponnes, doch Pylos selbst ist ein Mikrokosmos aus Geschichte, Landschaft und Gastfreundschaft.
Besucher erleben hier nicht nur imposante Festungen, sondern auch das sagenhafte Panorama der Voidokilia-Bucht, deren fast kreisrunde Form und türkisfarbenes Wasser regelmäßig zu den schönsten Buchten Europas gezählt wird. Gleich daneben erhebt sich der mythische Nestor-Hügel, von dem aus sich ein majestätischer Blick auf Sfaktiria und das offene Ionische Meer bietet. (sk)





