Wer den ersten Schritt auf den steilen Pfad zur Kamares-Höhle setzt, spürt sofort die Magie dieses Ortes. Der Wind trägt den Duft von wilden Kräutern herauf, Zikaden begleiten den Weg mit ihrem Gesang, und über den Pfad hinweg öffnen sich atemberaubende Blicke auf die weite Messara-Ebene.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Mit jedem Höhenmeter wächst die Vorfreude auf ein Ziel, das weit mehr ist als nur eine Höhle: Es ist ein Fenster in eine längst vergangene Zeit, in eine Welt voller Mythen, Rituale und kultureller Schätze, die die Geschichte Kretas geprägt haben.
Die Kamares-Höhle liegt auf 1524 Metern Höhe am südlichen Abhang des majestätischen Psiloritis-Gebirges und wurde nach dem unterhalb gelegenen Dorf Kamares benannt. Bei den Einheimischen ist sie als Mavrospileon, die „schwarze Höhle“, bekannt. Berühmt wurde sie durch den sensationellen Fund der sogenannten Kamares-Keramik, deren elegante Formen und farbenprächtige Bemalung noch heute im Archäologischen Museum in Iraklion zu bewundern sind. Diese kunstvollen Gefäße, die zu den schönsten Zeugnissen der minoischen Kultur zählen, haben der Höhle einen festen Platz in der archäologischen Forschung gesichert.

Der Weg zur Höhle ist anspruchsvoll und nur für geübte Wanderer geeignet. Mehr als 1000 Höhenmeter müssen überwunden werden, bevor sich nach rund sechs Stunden Aufstieg und Abstieg der geheimnisvolle Eingang öffnet. Der Pfad führt zunächst über den Europäischen Fernwanderweg E4, bevor man auf kaum sichtbare Trittspuren gelangt, die eher geübten Augen vorbehalten sind. GPS-Unterstützung ist dringend zu empfehlen, doch der mühevolle Aufstieg wird mit einem Naturerlebnis belohnt, das sich unauslöschlich ins Gedächtnis einprägt: zwischen Phrygana-Büschen, Zypressen, Kermeseichen und endemischen Pflanzen wie der kretischen Schwertlilie oder dem zarten Blaustern eröffnet sich eine Pflanzenwelt voller Vielfalt.
Die Höhle selbst beeindruckt mit einer 42 Meter weiten und 20 Meter hohen Öffnung, die schon aus der Ferne sichtbar ist. Der Legende nach soll sie mit dem antiken Phaistos in enger Verbindung gestanden haben, und Funde von Getreide und Feldfrüchten deuten darauf hin, dass hier eine Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde. Der vordere Bereich der Höhle fällt steil ab, während tiefer im Inneren geheimnisvolle Gänge, eine Galerie und schließlich eine Halle mit einem kleinen Teich auf den Besucher warten. Diese archaische Atmosphäre lässt die jahrtausendealten Kultpraktiken beinahe greifbar werden.
Archäologisch rückte die Höhle erstmals 1890 in den Fokus, als der Arzt und Forscher Iosif Chatzidakis Tonscherben entdeckte. Schon bald folgten weitere Untersuchungen, unter anderem durch Antonio Taramelli und später durch britische Archäologen wie Richard MacGillivray Dawkins. Neuere Studien zeigen, dass die Höhle bereits in der frühminoischen Zeit intensiv genutzt wurde, womit sie zu einem der bedeutendsten Kultorte auf Kreta zählt.
Die Kamares-Höhle ist kein leicht zugängliches Ausflugsziel, sondern ein Abenteuer, das körperliche Ausdauer, Entdeckergeist und Respekt vor der Natur erfordert. Doch wer die Anstrengung auf sich nimmt, wird reich belohnt: mit einem unvergleichlichen Blick in die Geschichte, einem Gefühl von zeitloser Spiritualität und der Gewissheit, einen Ort betreten zu haben, der seit Jahrtausenden die Menschen in seinen Bann zieht. (sk)





