Wer auf den heiligen Pfaden des antiken Griechenlands wandelt, begegnet unweigerlich dem faszinierenden Zusammenspiel von Mythos, Natur und Kultpraxis. Eine der eindrucksvollsten Erscheinungen dieser Welt ist Zeus Astrapaios, der „voller Blitze“ genannte Himmelsgott, dessen elektrische Zeichen einst ganze Feste auslösten oder zum Erliegen brachten.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Götter & Gelehrte – Die Epiklese, also Beiname, Astrapaios verknüpft Zeus besonders eng mit dem Element, das am mächtigsten seine Präsenz verkündete: dem Blitz, ein himmlisches Signal, das als göttlicher Wille gedeutet wurde und als Entscheidungshilfe für bedeutsame Rituale diente.
Reisende, die Delphi besuchen, erfahren hier nicht nur die geläufigen Geschichten über das berühmte Orakel der Pythia. Abseits der Pilgerwege, auf dem Harma genannten Bergrücken des Parnass, befand sich ein Brandaltar, an dem die Priester Athens ein außergewöhnliches Himmelszeichen erwarteten. Drei Monate lang bestiegen sie an jeweils drei aufeinanderfolgenden Tagen diesen heiligen Ort und richteten ihre Blicke zum Himmel – in der Hoffnung, dass Zeus Astrapaios seine Zustimmung zum Fest der Pythaïs mit einem Blitz kundtun würde. Dieser seltene Brauch verlieh dem Pythaïs-Zug, der zu Ehren Apollons aus Athen startete, eine Atmosphäre der Spannung und göttlichen Unberechenbarkeit. Für heutige Besucher verleiht dieses Wissen dem Parnass eine eigentümliche Magie; jeder Windstoß, jedes Wetterleuchten erinnert an die Zeit, in der Naturphänomene als Stimme der Götter galten.
Aber nicht nur Delphi stand im Bann des Blitzgottes. Weit im Westen Kleinasiens, in der antiken Stadt Antandros, wurde ein mehrtägiges Fest zu Ehren des Zeus Astropaios gefeiert. Die Küstenlandschaft der Troas, mit ihren Pinienwäldern und dem leichten Duft des Meeres, bot die Bühne für Rituale, deren genaue Formen im Dunkel der Zeit verschwinden, die aber von der intensiven Verehrung zeugen, die dieser Erscheinungsform des Zeus entgegengebracht wurde. Antandros, heute ein stiller archäologischer Ort, lässt sich wunderbar im Rahmen einer kulturgeschichtlichen Reise erkunden – ein Geheimtipp für alle, die abseits der üblichen touristischen Routen die vielschichtige Religionslandschaft der Antike erleben möchten.
Die Geschichte von Zeus Astrapaios ist damit eine Einladung, Griechenland mit geschärftem Blick zu bereisen: Jeder Felsvorsprung, jeder Himmelsschimmer und jede Ruine erzählt von den intensiven Beziehungen, die die Menschen der Antike zu ihrer Natur und ihren Göttern pflegten. Wer sich auf diese Reise begibt, entdeckt eine Welt, in der ein einziger Blitz darüber entscheiden konnte, ob ein Fest gefeiert wurde – und in der das göttliche Spiel aus Licht und Donner die Kulturlandschaft nachhaltig prägte. (mav)




