Manchmal genügt ein sinkender Pegel, um die Zeit sichtbar zu machen. Am Rhein zwischen Neuss und Dormagen ist es in diesem Sommer ein altes Fischerboot, das aus dem Flussbett hervortritt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Sebastian Janssen
Magazin/Weltweit – An der Mündung des Silbersees liegt der Aalschokker, der dort seit den 1990er-Jahren versunken ist. Jetzt, da der Rhein ungewöhnlich wenig Wasser führt, ist das Schiff wieder weitgehend zu sehen. Für die einen ist es ein kurioses Fotomotiv. Für die anderen ist es ein Stück Regionalgeschichte. Tatsächlich verbindet sich in dem Wrack beides: der spektakuläre Augenblick eines extremen Niedrigwassers und die Erinnerung an eine Form der Rheinfischerei, die längst aus dem Alltag verschwunden ist.
Der Anblick ist eigentümlich. Der alte Kahn liegt nicht wie ein restauriertes Museumsschiff sauber am Ufer, sondern halb vom Flussboden verschluckt. Schlamm bedeckt Teile des Rumpfes, die Aufbauten sind verwittert, Metallteile vom Rost gezeichnet. Bei normalem Wasserstand würde der Rhein den größten Teil davon verdecken. Nun aber hat sich die Wasserfläche zurückgezogen und gibt das Schiff frei. Winden und andere Bestandteile der früheren Fangeinrichtung sind noch erkennbar.

Es ist ein Bild, das ohne den Rhein nicht zu verstehen ist. Denn dieses Schiff war für einen Fluss gebaut, der über Jahrhunderte hinweg nicht nur Verkehrsweg, sondern Nahrungsquelle war. Fischer lebten an seinen Ufern, kannten die Strömungen, die Laichplätze und die jahreszeitlichen Bewegungen der Fische. Die Fischerei war Teil der wirtschaftlichen und sozialen Geschichte von Orten wie Neuss und Zons.
Die Geschichte reicht weit zurück. In Neuss gehörte die Fischerei bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu den traditionellen Nutzungen des Rheins. Fisch war allerdings kein alltägliches Lebensmittel für jedermann. Bestimmte Arten galten als besonders wertvoll und waren teilweise privilegierten Bevölkerungsschichten vorbehalten. Gefangen wurde mit verschiedenen Netzarten. Erst später veränderte eine aus den Niederlanden stammende Fangtechnik die Rheinfischerei grundlegend: der Aalschokker.
Der Name bezeichnet nicht einfach ein beliebiges Fischerboot. Der Schokker war ursprünglich ein niederländischer Fischereischiffstyp. Seine besondere Konstruktion erlaubte es, Fangnetze mithilfe von Masten, Seilen und Winden in die Strömung zu bringen. Auf dem Rhein wurden die Schiffe ohne die ursprüngliche Segelausrüstung eingesetzt. Für den Aalfang wurden sie in geeigneter Position verankert; das Fanggerät wurde seitlich vom Boot in den Fluss gelegt und später wieder eingeholt.

Die Methode war effektiv. Der Aal wurde im Rhein zu einem wichtigen Fangfisch, nachdem andere Fischarten an Bedeutung verloren hatten. Besonders im frühen und mittleren 20. Jahrhundert entwickelte sich die Aalschokkerfischerei zu einem bedeutenden Zweig der gewerblichen Rheinfischerei. In der Blütezeit Ende der 1930er-Jahre waren nach Angaben der Fischereiforschung nahezu 200 Aalschokker am Rhein im Einsatz.
Für die Fischer bedeutete das Boot zugleich Arbeitsplatz und Lebensraum. Die Nächte wurden auf dem Fluss verbracht. Netze mussten ausgebracht, kontrolliert, eingeholt und gereinigt werden. Die gefangenen Aale konnten in Hälteranlagen an Bord aufbewahrt werden. Schlafplätze und eine kleine Kombüse gehörten zur Ausstattung. Ein Aalschokker war damit ein funktionales Arbeitsschiff, kein Freizeitboot und schon gar kein romantisches Symbol.
Wie hart und unspektakulär diese Arbeit im Alltag war, zeigt ein historischer Film aus dem Jahr 1974. Er dokumentiert die Aalschokkerfischerei bei Grimlinghausen und zeigt den Arbeitsablauf eines Fischers: die Positionierung des Bootes, das Ausbringen der Fangeinrichtung und das Einholen des Netzes. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch zwei Fischer mit ihren Schokkern im Einsatz. Die große Epoche der Aalfischerei war bereits vorbei.
Der Niedergang war nicht das Ergebnis einer einzigen Veränderung. Der Rhein wurde zunehmend zur großen europäischen Schifffahrtsstraße. Die Zahl und Größe der Schiffe nahmen zu. Die nächtliche Berufsschifffahrt machte bestimmte Formen der traditionellen Fischerei immer schwieriger. Gleichzeitig hatte die Industrialisierung den Zustand des Flusses über Jahrzehnte dramatisch verschlechtert.

Die Folgen waren in der Fischwelt sichtbar. In den 1940er-Jahren verschwanden Lachs und Maifisch weitgehend aus dem Rhein. Die Belastung des Wassers nahm weiter zu, und viele Berufsfischer verloren ihre wirtschaftliche Grundlage. In den 1970er-Jahren hatten die meisten Aalschokker ihren Betrieb eingestellt. Auch der Rückgang der Aalbestände verschärfte das Problem.
Heute wirkt dieser Wandel beinahe paradox. Der Rhein ist sauberer geworden, als er es in den schlimmsten Jahrzehnten der Industrialisierung war. Maßnahmen zum Gewässerschutz haben die Wasserqualität deutlich verbessert, und Arten, die einst aus dem Strom verschwunden waren, werden wieder angesiedelt. Gleichzeitig ist die traditionelle Berufsfischerei weitgehend verschwunden. Der Fluss wurde ökologisch an manchen Stellen wieder vielfältiger, während ein ganzer Berufsstand seine Bedeutung verlor.
Vor diesem historischen Hintergrund wird das Wrack am Silbersee zu einem ungewöhnlich anschaulichen Dokument. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde der Aalschokker vermutlich um 1906 gebaut. Überliefert ist der Name „Conny“. Jahrzehntelang soll das Schiff als Arbeits- und Wohnboot eines Rheinfischers gedient haben. In den 1990er-Jahren endete seine aktive Geschichte. Der Kahn sank an der Mündung des Silbersees in den Rhein. Warum genau, ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Um den letzten Besitzer rankt sich eine Geschichte, die den Ruf des Schiffes als „Geisterschiff“ verstärkt hat. Er soll zu den letzten Aalfischern am Rhein gehört haben und in der Region als „Aal-Friedel“ bekannt gewesen sein. Nach der von Medien überlieferten Geschichte kam es nach einer Trennung zu einer schweren Gewalttat gegen die frühere Partnerin und deren neuen Lebensgefährten. Der Fischer wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Während dieser Zeit blieb sein Schiff zurück und sank.

Nach seiner Entlassung soll der ehemalige Besitzer versucht haben, Geld für die Bergung des Aalschokkers aufzutreiben. Die Pläne scheiterten. Später verlor sich seine Spur. Damit nahm die Geschichte des Mannes ein ebenso offenes Ende wie die des Schiffes. Was mit dem Fischer geschah, ist nach den heute verfügbaren Berichten unbekannt. Das Boot dagegen blieb – und wurde langsam Teil des Rheinbodens.
Schon 2003 machte ein ungewöhnlich niedriger Wasserstand den Aalschokker wieder vollständig sichtbar. 2022 wiederholte sich das Ereignis. Im Sommer 2026 ist es erneut so weit. Der Rhein führt derzeit vielerorts außergewöhnlich wenig Wasser; an einigen Stellen werden historische Tiefstände erreicht. Mit dem sinkenden Pegel kommen nicht nur Sandbänke und Uferbereiche zum Vorschein, sondern auch Gegenstände und Relikte, die sonst unter der Wasseroberfläche verborgen bleiben.
Der Aalschokker ist dabei ein besonders eindrucksvoller Fund, weil er nicht einfach irgendwo im trockenen Flussbett liegt. Er befindet sich an einem Ort, an dem sich die Geschichte des Flusses beinahe wie in einem einzigen Bild überlagert: das alte Fischerboot im Vordergrund, der heutige Rhein als internationale Verkehrsader dahinter und die Landschaft von Neuss und Dormagen als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Eine Bergung des Schiffes steht derzeit nicht an. Nach Angaben der zuständigen Wasser- und Schifffahrtsbehörde liegt es weit außerhalb der Fahrrinne und ist gesichert. Für die Berufsschifffahrt geht deshalb keine unmittelbare Gefahr von dem Wrack aus. So bleibt der Aalschokker Teil des Flusses – und wird vermutlich auch künftig nur dann vollständig sichtbar, wenn außergewöhnliche Niedrigwasserstände auftreten.
Das verleiht dem Schiff einen merkwürdigen Rhythmus. Es verschwindet, wenn der Rhein seinen normalen Wasserstand erreicht, und kehrt zurück, sobald der Strom sich weit genug zurückzieht. Seine Sichtbarkeit hängt damit unmittelbar von einem Naturereignis ab, das für die Schifffahrt und Wirtschaft keineswegs romantisch ist. Niedrigwasser kann die Binnenschifffahrt belasten, Transportmengen begrenzen und die Nutzung des Stroms erschweren. Zugleich eröffnet es einen Blick auf die verborgene Geschichte des Flusses. (sk)




