Cadiz: Ermita de San Ambrosio – Die vergessene Basilika über den Ruinen Roms

Zwischen den weiten Pinienwäldern der Costa de la Luz, unweit des Atlantiks und der salzigen Brisen von Barbate, erhebt sich ein Bauwerk, das so still wie geschichtsträchtig ist: die Ermita de San Ambrosio.
Von HB-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Weltweit/Magazin – Kaum ein Besucher ahnt, dass sich hinter den unscheinbaren Mauern eine der ältesten christlichen Stätten Andalusiens verbirgt, errichtet auf den Fundamenten einer römischen Villa, die einst Teil eines florierenden Küstenhafens war. Die Einsiedelei ist heute ein Ort, an dem Jahrhunderte aufeinandertreffen – von der römischen Antike über das Westgotenreich bis hin zur Spätgotik, die noch in ihren Bögen und Steinen flüstert … ein langsam verfallender Lost Place.

Foto: Hellas-Bote

Die Ursprünge von Barbate, in dessen Umgebung sich die Basilika befindet, reichen weit in die Zeit der Phönizier zurück. Schon im 5. Jahrhundert vor Christus war die Küste von Cádiz ein Zentrum des Almadraba-Fangs, einer uralten Methode, Thunfische auf ihrer Wanderung durch die Straße von Gibraltar zu fangen. Diese Tradition, die Generationen überdauert hat, ist mehr als nur ein Handwerk – sie ist ein Symbol der Verbindung zwischen Mensch und Meer, das die Identität dieser Region bis heute prägt. Als die Römer die iberische Halbinsel erreichten, wurde der Hafen von Baesippo, an der Mündung des Flusses Barbate gelegen, zu einem bedeutenden Handelszentrum. Hier wurden Salz, Fisch und Garum – die berühmte römische Fischsauce – produziert und in alle Teile des Imperiums exportiert. Die Reste antiker Salzfabriken und eine ausgedehnte Nekropole zeugen noch heute von jener Blütezeit zwischen dem 3. und 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung.

In der Spätantike, als das Römische Reich zerfiel, suchten Einsiedler und Mönche in den stillen Hügeln rund um Barbate Zuflucht. Sie errichteten kleine Klöster und Kapellen, von denen die Ermita de San Ambrosio zu den bedeutendsten zählt. Nach heutigen Erkenntnissen entstand sie um das 7. Jahrhundert auf den Fundamenten jener römischen Villa, deren Überreste bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt wurden. Beeindruckend ist, wie die Baumeister jener Zeit die antiken Strukturen in ihr Werk integrierten – Säulen, Kapitelle und Mauerfragmente wurden sorgfältig wiederverwendet, wodurch die Einsiedelei zu einem einzigartigen Zeugnis des Übergangs zwischen Antike und Christentum wurde.

Foto: Hellas-Bote

Die Weihe des Tempels fand laut alten Inschriften am 14. November 644 statt. Damals legte Bischof Pimenio die Reliquien der Märtyrer Vicente, Félix und Julián am Fuß einer durchbohrten Säule nieder. Eine in Stein gemeißelte Inschrift bezeugt: „Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Hier sind die Reliquien der heiligen Märtyrer Vicente, Félix und Julián. Die Einweihung dieser Kirche erfolgte am 18. Dezember, im 16. Regierungsjahr von Bischof Pimenio.“ Diese Zeilen, die über Jahrhunderte überdauerten, verleihen dem Ort eine fast greifbare Spiritualität.

Über die Jahrhunderte hinweg erlebte die Einsiedelei zahlreiche Umbauten. Besonders hervorzuheben sind die Arbeiten unter Bischof Pedro Fernández de Solís zwischen 1473 und 1500. In dieser Phase erhielt die Kirche ihre charakteristischen Spitzbögen, eine Seitenkapelle und das heute noch sichtbare Wappenschild des Bischofs auf der Narthex-Fassade – eine Sonne, von einem Hut bedeckt, flankiert von Ketten aus neun Kugeln. Diese gotischen Elemente ergänzten den ursprünglichen westgotischen Bau und schufen ein harmonisches Nebeneinander von Stilen, das die lange Geschichte des Ortes spiegelt.

Foto: Hellas-Bote

Das Innere der Basilika offenbart einen einfachen, aber erhabenen Grundriss: ein einziges Kirchenschiff, nach Osten ausgerichtet, mit vier leicht spitz zulaufenden Ziegelbögen, die das hölzerne Dach tragen. Die Bögen ruhen auf unterschiedlich dicken Säulen, deren Kapitelle teilweise römischen Ursprungs sind. An der westlichen Seite liegt ein Raum, der als Narthex identifiziert wurde – einst vielleicht Ort der Andacht für jene, die sich auf das Leben als Einsiedler vorbereiteten. Der Altarraum schließt mit einer rechteckigen Apsis, die in mehrere Räume unterteilt ist, darunter möglicherweise eine Krypta und die Basis eines Turms, der heute nur noch in Resten erhalten ist.

Die Außenmauern aus grob behauenen Quadersteinen erzählen von der westgotischen Baukunst, während die Ergänzungen aus dem 15. Jahrhundert – Lehmwände, Spitzbögen und Querbögen – den handwerklichen Geist der Spätgotik widerspiegeln. Besonders bemerkenswert ist ein Becken an der Außenseite der Apsis, das Archäologen als mögliches Baptisterium identifizieren. Andere Funde deuten darauf hin, dass sich hier ursprünglich eine römische Villa befand, mit einem repräsentativen Wohnbereich (pars urbana) und einem landwirtschaftlichen Teil (pars rustica), der Werkstätten, Pressen und Lagerräume umfasste.

Die archäologischen Untersuchungen in der Umgebung brachten Funde ans Licht, die bis in die jüngere Vorgeschichte reichen. Werkzeuge, Keramiken und Mauerreste aus der Spätbronzezeit und der Eisenzeit belegen, dass die Region seit Jahrtausenden bewohnt war. Der Boden rund um San Ambrosio ist also mehr als nur Erde – er ist ein Archiv menschlicher Geschichte.

Auch landschaftlich ist der Ort von außergewöhnlichem Reiz. Wer heute zur Ermita de San Ambrosio gelangen möchte, folgt der Landstraße A-2233, biegt nach dem Wanderweg „Torre del Tajo“ rechts in Richtung Erholungsgebiet ab und erreicht schließlich den Bach Arroyo de San Ambrosio, an dessen Ufer die Einsiedelei liegt. (cs)

Foto: Hellas-Bote