Wenn man durch die sonnengebleichten Gassen Kretas streift, scheint die Geschichte auf jedem Stein zu flüstern – und mittendrin lebte Emmanuel Lombardos, ein Maler, dessen Name heute nur wenigen vertraut ist.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman
Kunst & Kultur – Anders als die glanzvollen Berichte über seine Zeitgenossen, bleibt Lombardos ein Rätsel, ein Schatten unter den leuchtenden Fresken der kretischen Schule. Geboren im 17. Jahrhundert, prägte er eine Epoche, in der Kunst und Politik untrennbar miteinander verwoben waren.
Lombardos, dessen Name in Griechenland als Εμμανουήλ Λομβάρδος oder Λαμπάρδο überliefert wird, arbeitete eng mit dem bekannten Maler Ieremia Pallada zusammen. Manche seiner Werke tragen die gemeinsame Signatur, doch die Forschung ist sich bis heute uneins, welche Bilder tatsächlich von Lombardos selbst stammen. Bekannt ist, dass er bis zum Ende der venezianischen Herrschaft auf Kreta lebte – eine Zeit des kulturellen Aufbruchs und zugleich politischer Spannungen. Die drohende Gefahr durch wechselnde Herrscher und kriegerische Konflikte veranlasste ihn schließlich, die Insel zu verlassen. Gemeinsam mit anderen bedeutenden Künstlern wie Theodoros Poulakis, Emmanuel Tzanes und Illias Moschos fand er Zuflucht auf der Ionischen Insel Kefalonia, wo sie ihre künstlerischen Traditionen fortführten.
Im Vergleich zu seinen Kollegen, die sich stärker von der westlichen Malerei beeinflussen ließen, blieb Lombardos seiner ursprünglichen byzantinischen Ausdrucksweise treu, wenngleich er sie für kurze Zeit mit westlichen Elementen kombinierte. Dieser subtile Dialog zwischen Ost und West macht seine Arbeiten besonders interessant für Kunsthistoriker, obwohl nur wenige Werke von ihm erhalten geblieben sind.
Zu den bekanntesten Arbeiten Lombardos zählen „Das Lamento“ (auch unter dem Namen „Epitaphios“ bekannt), das heute im Byzantinischen Museum in Athen zu bewundern ist, sowie eine Pietà in Tuzla. In diesen Bildern spiegelt sich die besondere Kraft seiner Handschrift: eine tiefe Emotionalität, kombiniert mit der strengen Linienführung der byzantinischen Ikonentradition. Die Pietà zeigt Schmerz und Trauer auf eine so unmittelbare Weise, dass Betrachter unweigerlich in die Szene hineingezogen werden. „Das Lamento“ wiederum besticht durch die sorgfältige Komposition und das Spiel von Licht und Schatten, das den religiösen Moment intensiviert.
Sein Leben auf Kreta, bevor er fliehen musste, war geprägt von einem lebendigen kulturellen Austausch. Die Insel war damals ein Schmelztiegel: venezianische Architektur traf auf griechische Ikonenmalerei, Handelswege brachten exotische Materialien und neue Techniken. Lombardos’ Werk trägt die Spuren dieser Zeit, auch wenn er sich nur temporär der westlichen Kunst zuwandte. Seine Flucht nach Kefalonia bedeutete zugleich eine neue künstlerische Bühne: Hier setzte er seine Arbeit unter veränderten Bedingungen fort, ohne jedoch die charakteristische Tiefe und Mystik seines künstlerischen Ausdrucks zu verlieren.
Die kretische Schule, zu der Lombardos gehörte, gilt als eine der bedeutendsten Phasen der griechischen Malerei. Ihre Vertreter verbanden byzantinische Traditionen mit Elementen der Renaissance, schufen Ikonen, die sowohl religiöse Erhabenheit als auch menschliche Nähe ausstrahlen. Während Theodoros Poulakis oder Emmanuel Tzanes weithin bekannt sind, bleibt Lombardos ein fast unsichtbarer, aber nicht weniger wichtiger Teil dieses künstlerischen Mosaiks. Die wenigen erhaltenen Werke erlauben einen Blick auf eine Kunst, die nüchtern und zugleich zutiefst bewegend ist, auf Linien, Farben und Ausdruck, die Jahrhunderte überdauern.
In einer Welt, in der die Geschichten berühmter Künstler leicht überstrahlen, erinnert Emmanuel Lombardos daran, dass die wahre Kunst oft in den stillen Momenten liegt – in den Bildern, die flüstern statt zu schreien, und in der Handschrift eines Mannes, der sein Leben zwischen zwei Welten führte: zwischen dem alten Kreta, das langsam unterging, und den neuen Ufern Kefalonias, wo Tradition und Zuflucht aufeinandertrafen. (ea)





