Wer das erste Mal die karge Landschaft im Süden Kretas durchquert, ahnt kaum, dass sich hinter den graubraunen Felsen eine Schlucht verbirgt, die seit Jahrhunderten Pilger, Eremiten und später auch Reisende in ihren Bann zieht.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen / #Kreta – Agiofarango, die „Schlucht der Heiligen“, ist kein imposantes Riesenmassiv, sondern ein nur 1,5 Kilometer langer Canyon, der es dennoch versteht, Geschichte, Spiritualität und Natur in einer einzigartigen Atmosphäre miteinander zu verweben. Es ist ein Ort, der Herz und Seele berührt – durch seine Stille, durch die steilen Felswände, die den Himmel wie ein aufgeschlagenes Buch rahmen, und durch die Spuren, die hier Generationen von Gläubigen, Mönchen und Wanderern hinterlassen haben.
Agiofarango liegt eingebettet in die westlichen Ausläufer des Asterousia-Gebirges, das zum UNESCO-Schutzgebiet gehört. Bereits die Anreise ist ein Erlebnis: Eine staubige Piste führt von Moni Odigitrias, dem Kloster der Gottesmutter, hinunter Richtung Kali Limenes. Schon von weitem sieht man die rauen Felsen, die im Licht der kretischen Sonne rötlich-golden aufleuchten. Am Abzweig zur Schlucht beginnt die eigentliche Entdeckungsreise: Wer gut zu Fuß ist, wandert etwa eine Stunde durch das trockene Bett des Tales bis zum Libyschen Meer, während erfahrene Geländewagenfahrer näher an den Einstieg gelangen können.

Die Geschichte Agiofarangos ist tief mit dem frühen Christentum verwoben. Bereits im byzantinischen Mittelalter zogen sich Einsiedler in die natürlichen Felshöhlen zurück, wo sie asketisch lebten und beteten. Mittelpunkt dieses spirituellen Lebens wurde die kleine Kreuzkuppelkirche Agios Antonios, die noch heute wie ein stiller Wächter am Rand des Schluchtbettes steht. Ursprünglich war sie vollständig mit Fresken bemalt, die Szenen aus dem Leben der Heiligen darstellten. Auch wenn Wind, Sand und Zeit die Farben fast ausgelöscht haben, umweht den Besucher noch immer der Hauch der Vergangenheit. Gleich nebenan verbirgt sich die Höhle Goumenospilio, ein geräumiger Felsraum, der den Einsiedlern einst als Versammlungsort diente.
Der Weg durch die Schlucht selbst ist einfach begehbar, doch voller Eindrücke. Links und rechts ragen die Felsen fast senkrecht empor, manche von ihnen bis zu 40 Meter hoch. Für Kletterer ist Agiofarango deshalb ein Paradies, denn zahlreiche Routen aller Schwierigkeitsgrade führen hier hinauf. Wanderer wiederum genießen die Stille, die nur vom Zirpen der Zikaden und dem Rauschen des Windes begleitet wird. Besonders eindrucksvoll ist die Vegetation: Zwischen den steinigen Hängen leuchten die rosa Blüten des Oleanders, der von Mai bis August in voller Pracht steht und die Schlucht in ein blühendes Farbband verwandelt.
Am Ende des Weges öffnet sich die Schlucht und gibt den Blick frei auf das Libysche Meer. Dort, wo Felsen und Wellen aufeinandertreffen, liegt ein abgeschiedener Kieselstrand, die Paralía Agiofárangou. Er ist im Sommer ein beliebter FKK-Strand, an dem sich Einheimische wie Besucher gleichermaßen entspannen. Wer Glück hat, erlebt hier unvergessliche Momente, wenn die Sonne im Meer versinkt und die Felsen im warmen Abendlicht glühen.
Nicht nur die Schlucht selbst, auch ihre Umgebung ist voller Kulturgeschichte. Besonders sehenswert ist das Kloster Odigitrias, das sich unweit des Zugangs erhebt. Der wehrhafte Bau diente in unsicheren Zeiten als Zufluchtsort und beeindruckt heute durch seine Ikonensammlung aus dem 15. Jahrhundert. Mit seinen Mauern, Türmen und stillen Innenhöfen ist es ein lebendiger Zeuge der kretischen Klosterkultur, die über Jahrhunderte das geistige Leben der Region prägte. (dt)





