Paestum, das antike Poseidonia: Eine griechische Spur in Italiens Herz

In der weiten Ebene Kampaniens, wo der Wind über Olivenhaine und Granatapfelbäume streicht, liegt ein Ort, dessen steinerne Zeugnisse in die Zeit der mykenischen Helden und olympischen Götter zurückreichen. Paestum, heute Teil der Gemeinde Capaccio Paestum, ist mehr als eine archäologische Stätte – es ist ein Ort des kulturellen Gedächtnisses, an dem sich die griechische Seele in italienischem Boden widerspiegelt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Bereits um 600 v. Chr. gründeten Griechen aus Sybaris oder Troizen hier eine Pflanzstadt mit dem Namen Poseidonia – benannt nach dem Gott des Meeres, Poseidon. Doch ein Hafen war nicht das Ziel. Die Kolonisten suchten keinen Stützpunkt zur See, sondern fruchtbares Land für Landwirtschaft und Wohlstand. Diese Orientierung zur Erde statt zum Wasser ist Ausdruck eines einzigartigen griechischen Pragmatismus in der Ferne – und gleichzeitig Zeichen kultureller Verwurzelung.

Im Zentrum von Paestum ragen die dorischen Tempel wie zeitlose Monumente in den Himmel. Hera, Athena und der sogenannte Poseidontempel stehen exemplarisch für die Entwicklung griechischer Architektur auf italienischem Boden. Von der archaischen Wucht der „Basilika“ bis zur klassisch ausgereiften Symmetrie des Tempels, der wohl ebenfalls der Hera gewidmet war, erzählen diese Bauwerke von einer Blütezeit hellenistischer Kultur im Westen.

Foto: V alfano, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

Die dorische Ordnung, ursprünglich aus dem peloponnesischen Mutterland stammend, wurde hier weiterentwickelt – nicht als Kopie, sondern als lebendige Interpretation griechischer Baukunst unter neuen klimatischen, geografischen und kulturellen Bedingungen.

Das Museum von Paestum, das bedeutende Gräberfunde aus griechischer Zeit präsentiert – darunter das berühmte Grab des Tauchers, ein singuläres Zeugnis griechischer Malerei in Unteritalien – macht den Ort zu einem Mekka für Klassikfreunde. Hier zeigt sich die Nähe zum griechischen Denken über Leben und Tod, über Übergänge, Rituale, Schönheit. Selbst der Münzprägung blieb ein hellenistisches Erbe erhalten – ein Privileg, das den Status der Stadt als kulturellen Brückenkopf zwischen Hellas und Rom unterstreicht.

Die Wiederentdeckung Paestums im 18. Jahrhundert markierte ein Schlüsselmoment in der Rezeption antiker Kunst. Johann Wolfgang von Goethe, ergriffen von der „fremden Welt“, notierte seinen Besuch in der Italienischen Reise – ein Besuch, der seine Vorstellung von Architektur und Antike für immer prägte. Auch Johann Gottfried Seume suchte in den Ruinen nicht nur Ruinen, sondern griechische Rosen, Symbol für das einstige Paradies dieser Landschaft.

Seit 1998 gehört Paestum zum UNESCO-Weltkulturerbe. Nicht nur als außergewöhnlich gut erhaltene archäologische Stätte, sondern als Ort, an dem die griechische Kultur ihre Spuren in Stein, Erde und Geist hinterließ. Zwischen antiken Tempeln, römischem Amphitheater und versunkenen Gräbern pulsiert bis heute das Echo von Athen, Delphi und Olympia – mitten in Italien. (sk)

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