Der heutige Karmontag steht in der griechisch-orthodoxen Kirche ganz im Zeichen zweier eindrucksvoller biblischer Gestalten: dem unfruchtbaren Feigenbaum, den Christus verfluchte, und Josef von Arimathäa, dem stillen Gerechten, der dem gekreuzigten Messias seine letzte Ehre erwies.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Aktuell – Zwischen Gericht und Gnade, Verdammung und Treue entfaltet sich ein tiefer theologischer Spannungsbogen, der in der liturgischen Feier dieser heiligen Woche kraftvoll zur Geltung kommt.
Im frühen Morgenlicht hallten in Kirchen von Thessaloniki bis Kreta die feierlichen Hymnen des Orthros wider – Gesänge, die nicht nur die Passion Christi vorwegnehmen, sondern auch den moralischen Ernst des kommenden Karfreitags vorbereiten. Der Karmontag, zweiter Tag der Karwoche, konfrontiert die Gläubigen mit der symbolträchtigen Szene aus dem Matthäusevangelium, in der Jesus einen Feigenbaum verflucht, weil er keine Frucht trägt – ein Gleichnis für geistige Trägheit und äußeren Schein ohne innere Reife.
„Der verdorrte Feigenbaum erinnert uns daran, dass Fruchtlosigkeit im Glauben nicht neutral, sondern gefährlich ist“, sagte Theokletos in seiner Predigt. „Es ist eine Warnung gegen bloße Äußerlichkeit, ein Ruf zur wahren Umkehr.“
Dem Gericht über den Feigenbaum steht das stille Zeugnis des Josef von Arimathäa gegenüber. Dieser Ratsherr, ein geheimes Mitglied der Jüngergemeinde, bittet mutig um den Leichnam Jesu und legt ihn ehrfürchtig ins Grab. Die liturgischen Texte preisen ihn heute als „Zeugen der Gerechtigkeit“ – ein Sinnbild der Treue in finsteren Zeiten.
Die besondere Doppelsymbolik des Karmontags wird in der orthodoxen Spiritualität tief verinnerlicht: Sie fordert auf, sich selbst zu prüfen – bin ich wie der blätterreiche, aber fruchtlose Baum, oder wie Josef, der inmitten von Angst und Machtmut zur Wahrheit steht?
So schreitet die orthodoxe Welt weiter durch die große und heilige Woche – durchdacht, gebetet, getragen vom Klang der Psalmen und der Erwartung der Auferstehung. Und am heutigen Tag hallt die Frage in vielen Herzen nach: Trage ich Frucht? (mv)





