Verwüstete Ähren: Die große Hungersnot in Griechenland 1941–1942

Im Herbst und Winter 1941/1942 erlebte Griechenland die verheerendste Hungersnot seiner Geschichte. Diese Tragödie war eine direkte Folge der rücksichtslosen Besatzungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs. Schätzungen zufolge starben zwischen 100.000 und 450.000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou

Geschichte – Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im April 1941 begann eine Phase willkürlicher Ausbeutung. Soldaten plünderten systematisch Geschäfte in Athen, verschickten die erbeuteten Waren in ihre Heimat und markierten geleerte Läden für nachfolgende Plünderer. Diese Handlungen verstießen gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907. Innerhalb kürzester Zeit brach der Handel zusammen, da auch wichtige Gerätschaften und Fahrzeuge konfisziert wurden, was die Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln nahezu unmöglich machte.

Auf dem Land waren die Auswirkungen zunächst weniger gravierend, da die Bevölkerung auf alternative Nahrungsquellen wie Wurzeln und Kleintiere zurückgriff. In den Regionen Thessalien und Epirus gab es bis 1943 keine Todesopfer durch Nahrungsmittelmangel. Auf den Inseln Lesbos und Chios entwickelten sich Tauschgeschäfte zwischen Soldaten und Einheimischen, da die Präsenz der Besatzungstruppen für umfassende Kontrollen nicht ausreichte.

Parallel dazu organisierten die Besatzungsbehörden die systematische Demontage von Fertigungsanlagen und zogen Lebensmittel in großen Mengen ab. Eine Mitteilung an das Reichsernährungsministerium besagte, dass die tägliche Brotration in Athen von 192 Gramm auf 92 Gramm gesenkt wurde. Auf dem Land wurde die Brotverteilung gänzlich eingestellt. Beschlagnahmte Lebensmittel dienten vornehmlich der Versorgung der Wehrmachtstruppen an verschiedenen Fronten. Der Wert der in den ersten Monaten konfiszierten Lebensmittel wurde von der griechischen Regierung auf über 15 Millionen Pfund geschätzt.

Im September 1941 erreichte das türkische Schiff SS Kurtuluş mit einer Hilfslieferung Griechenland. Obwohl diese eher symbolischer Natur war, lenkte sie die weltweite Aufmerksamkeit auf die griechische Notlage. Der Extremwinter 1941/1942 verschärfte die Situation zusätzlich. Das Internationale Rote Kreuz bemühte sich um Hilfslieferungen, doch die britische Mittelmeerblockade verhinderte zunächst den Transport von 15.000 Tonnen Weizen aus Kanada. Erst Ende März 1942 gestatteten die Briten, auf Bitten des Vatikans, die Durchfahrt der ersten Hilfssendung.

Die Schätzungen über die Zahl der Opfer variieren stark. Der Historiker Kaspar Dreidoppel tendiert zu etwa 100.000 Toten, während andere Studien, wie die von Violetta Hionidou, von bis zu 360.000 Opfern ausgehen. Der britische Historiker Mark Mazower schätzt, dass bis 1943 etwa 300.000 Menschenleben durch die deutsche Kriegführung und Besatzung, einschließlich der durch den Geburtenausfall bedingten demographischen Verluste, verloren gingen.

Langfristig führte die Hungersnot zu erheblichen gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung. Radikale Kräfte, insbesondere die Kommunisten, erhielten enormen Zulauf, was später im griechischen Bürgerkrieg mündete. Die Demontage der Industrie und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit führten zu einer neuen Auswanderungswelle nach Übersee. Die Landwirtschaft verfiel in eine unproduktive Subsistenzwirtschaft, was die wirtschaftliche Destabilisierung des Landes weiter vorantrieb. (sd)

Wehrmachtssoldaten plündern ein Ladengeschäft, 1941 – Foto: Von Bundesarchiv, Bild 101I-163-0318-30 / Bauer / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5476308

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