Es sind keine Parolen. Keine Forderungen. Keine Namen von Politikern. Es sind die Namen von 57 Menschen … mit roter Farbe auf den Boden vor dem griechischen Parlament geschrieben.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Athen – Namen von Menschen, die am 28. Februar 2023 starben, als ein Personen- und ein Güterzug bei Tempi frontal zusammenprallten. Drei Jahre später sind diese Namen zu einem der stärksten Symbole der griechischen Erinnerungskultur und des anhaltenden Verlangens nach Aufklärung geworden. Die Schrift auf dem Syntagma-Platz ist deshalb weit mehr als ein improvisiertes Denkmal. Sie steht für eine Katastrophe, die Griechenland bis heute politisch, gesellschaftlich und juristisch beschäftigt. Und sie steht für die Frage, die sich seit jener Nacht immer wieder stellt: Wie konnte es dazu kommen und wer trägt dafür Verantwortung?

Am 28. Februar 2023 war der Intercity-Zug auf dem Weg von Athen nach Thessaloniki. Gegen 23.20 Uhr kollidierte der nordwärts fahrende Personenzug bei Tempi mit einem entgegenkommenden Güterzug. Beide Züge waren auf demselben Gleis unterwegs. 57 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Unter den Toten waren besonders viele junge Menschen und Studenten, die nach einem langen Feiertagswochenende auf dem Rückweg nach Thessaloniki waren.
Die Namen auf dem Syntagma geben dieser Zahl ein Gesicht. Aus „57 Tote“ werden einzelne Menschen. Jeder Name steht für eine Familie, einen Freundeskreis, einen Studienplatz, einen Arbeitsplatz, einen Platz am Esstisch, der seit jener Nacht leer geblieben ist.
Genau darin liegt die Kraft dieser Schrift. Denn zunächst war sie gar nicht als dauerhaftes Denkmal gedacht. Zum ersten Jahrestag der Katastrophe, am 28. Februar 2024, schrieben Demonstranten die 57 Namen mit roter Farbe vor dem Parlament auf den Boden. Die Aktion war Teil einer gewaltigen landesweiten Protestbewegung. Am folgenden Morgen waren die Namen verschwunden. Eine kommunale Reinigungskolonne hatte die Farbe entfernt. Die stellvertretende Athener Bürgermeisterin für Reinigung und Recycling erklärte anschließend, ihre Behörde habe den Auftrag nicht erteilt; die Reinigungskräfte seien nach einer entsprechenden Aufforderung der Parlamentswache eingesetzt worden. Sie bezeichnete die Entfernung als ungerechtfertigt und entschuldigte sich bei den Familien.
Studenten schrieben sie erneut auf den Platz. Damit veränderte sich die Bedeutung der roten Schrift. Aus einer einmaligen Protestaktion wurde ein wiederkehrendes Ritual und schließlich ein improvisiertes Mahnmal, das die politische Debatte über die Tragödie mit dem öffentlichen Raum Athens verband. Auch bei späteren Demonstrationen wurden die 57 Namen erneut geschrieben. Im Februar 2026, wenige Tage vor dem dritten Jahrestag, schrieben Studenten und Schüler die Namen wiederum mit roter Farbe vor dem Parlament nieder.
Auf der einen Seite steht das Grabmal des Unbekannten Soldaten, das vor dem Parlament an die griechischen Gefallenen vergangener Kriege erinnert. Auf der anderen Seite stehen die 57 Namen von Tempi … Menschen, deren Identität bekannt ist und deren Angehörige bis heute um Aufklärung kämpfen. Das ist einer der Gründe, weshalb die Schrift eine solche politische Sprengkraft entwickelt hat.
Die Auseinandersetzung ist inzwischen nicht mehr nur eine Frage des Gedenkens. Sie berührt das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Justiz. Denn die juristische Aufarbeitung der Katastrophe läuft weiter. Im Hauptverfahren in Larissa stehen 36 Beschuldigte vor Gericht. Die Anklage wirft unter anderem vor, dass gravierende Mängel bei den Sicherheitssystemen des Bahnabschnitts bekannt gewesen seien. Nach den Angaben in der Anklageschrift waren Signaltechnik, Fernsteuerung und das automatische Zugsicherungssystem ETCS auf dem betreffenden Abschnitt seit Jahren nicht ordnungsgemäß funktionsfähig; auch das GSM-R-Funksystem arbeitete nur eingeschränkt. 33 der Angeklagten sehen sich unter anderem mit besonders schweren Vorwürfen wegen der Gefährdung der Bahnsicherheit konfrontiert.
Ein 204 Seiten umfassender gerichtlicher Beschluss, der Ende September 2026 veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit dem Vorwurf, dass die Unfallstelle verändert worden sei, während die Ermittlungen noch liefen. Demnach wurden rund 300 Kubikmeter Erde und Trümmer vom Ort der Katastrophe entfernt; Teile des Geländes wurden anschließend mit Asphalt bedeckt. Zu diesem Zeitpunkt galten noch Menschen offiziell als vermisst. Die Justiz sieht darin mögliche Beeinträchtigungen der Beweissicherung. Währenddessen geht in Larissa die Hauptverhandlung weiter. 57 Namen, die in Griechenland längst zu einer Frage geworden sind, die sich nicht wegwaschen lässt: Wer trägt Verantwortung dafür, dass sie dort stehen mussten? (mv)





