Zwischen Homer und Hashtag – Griechenland feiert die Sprache der Seele

Wenn am 21. Februar weltweit der Internationale Tag der Muttersprache begangen wird, klingt in Griechenland mehr mit als bloß Worte. In dem Land, das als Wiege der europäischen Geistesgeschichte gilt, ist Sprache nicht nur Kommunikationsmittel – sie ist kulturelles Erbe, Identität, Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou

Aktuell – Die UNESCO rief diesen Gedenktag 1999 ins Leben, um die sprachliche Vielfalt und Mehrsprachigkeit zu fördern und zu bewahren. Der Hintergrund ist ein tragischer: 1952 starben in Dhaka (damals Ostpakistan, heute Bangladesch) mehrere Studenten bei Demonstrationen für die Anerkennung ihrer Muttersprache Bengali. Seitdem erinnert der Tag an das Recht eines jeden Menschen, seine Sprache zu sprechen – und sie zu leben.

In Griechenland, wo Sprache seit der Antike als Ausdruck der Vernunft und der menschlichen Seele gilt, hat dieser Tag eine besondere Strahlkraft. Denn das Griechische ist nicht nur eine Sprache, sondern ein lebendiges Vermächtnis, das sich über 3.400 Jahre hinweg entwickelt hat – von den homerischen Epen über die Philosophen der Klassik bis zur modernen Popkultur.

„Die griechische Sprache ist ein archäologisches Wunder, das atmet“, sagt Leherin Eleni Papadimitriou. Tatsächlich umfasst das heutige Neugriechisch zahllose Relikte aus Alt- und Mittelgriechisch. Worte wie „Demokratie“, „Philosophie“ oder „Theater“ wurden von hier in alle Welt getragen – heute sind sie selbst in der digitalen Ära kaum wegzudenken.

Trotz dieser reichen Geschichte ist die griechische Sprache nicht frei von Herausforderungen. Der Einfluss von Globalisierung, sozialen Medien und der Migration hat neue Dynamiken geschaffen. In urbanen Zentren vermischen sich Dialekte mit Anglizismen, während Minderheitensprachen wie Arvanitisch oder Pomakisch zunehmend verdrängt werden.

Auch Initiativen wie „Ellinomatheia“ – ein offizielles Sprachzertifikat für Griechisch als Fremdsprache – tragen dazu bei, die Muttersprache nicht nur im Inland, sondern weltweit lebendig zu halten. Griechische Gemeinden in Australien, Kanada oder Deutschland nutzen den Tag, um ihre sprachlichen Wurzeln zu stärken und weiterzugeben.

„Die Muttersprache ist unser erstes Fenster zur Welt“, erklärt der Athener Lehrer Giorgos Manolakis. „Wer seine Sprache verliert, verliert mehr als Worte – er verliert ein Stück seiner Seele.“ Für Griechenland, das über Jahrtausende hinweg immer wieder seine Stimme erhoben hat – in Dichtung, Philosophie, Politik und Protest –, ist diese Erkenntnis besonders wertvoll. Am Tag der Muttersprache wird also nicht nur gefeiert. Es wird erinnert, geschützt, angeregt – zur Pflege eines Schatzes, der alle Grenzen überdauert: der Sprache als Zuhause des Denkens. (sd)

Foto: 愚木混株 Cdd20/Pixabay