Zaanse Schans – Das Gedächtnis des Windes und der Werkbänke

Es gibt Orte, die man besucht, und solche, die einen empfangen. Die Zaanse Schans gehört zur zweiten Kategorie. Schon beim ersten Schritt auf den Deich mischt sich der Geruch von feuchtem Holz, Öl und frischer Farbe mit dem leisen Knarren alter Balken.
Von HB-Redakteur Walter Henning

Weltweit – Der Wind, der hier fast immer weht, ist kein bloßes Wetterphänomen, sondern ein historischer Akteur. Er hat Sägen angetrieben, Mühlsteine gedreht, Farben gemahlen und damit eine Region geprägt, die lange vor den rauchenden Schornsteinen des 19. Jahrhunderts industriell dachte. Die Zaanse Schans ist kein eingefrorenes Idyll, sondern ein verdichteter Erinnerungsraum an die Zeit, als Holland lernte, aus Naturkraft Produktivität zu machen.

Foto: Hellas-Bote

Die Lage an der Zaan war nie zufällig. Der Fluss war Transportweg, Energiequelle und Lebensader zugleich. Schon im 17. Jahrhundert entstand hier eines der dichtesten Mühlengebiete Europas. Hunderte Windmühlen sägten Holz für den Schiffbau, pressten Öle für Lampen und Lebensmittel, mahlten Gewürze aus den Kolonien und stellten Pigmente her, mit denen Gemälde, Häuser und Schiffe Farbe bekamen. Während andernorts noch agrarisch gearbeitet wurde, entstand an der Zaan eine arbeitsteilige Wirtschaft, deren Takt vom Wind bestimmt war. Diese frühe Form der Industrialisierung machte die Region wohlhabend, erfinderisch und selbstbewusst – Eigenschaften, die man der Landschaft bis heute anmerkt.

Dass dieses Erbe sichtbar geblieben ist, verdankt sich einem bewussten Entschluss des 20. Jahrhunderts. Als viele alte Gebäude in der Zaanstreek dem Fortschritt zu weichen drohten, entstand die Idee, sie an einem Ort zu sammeln, zu bewahren und weiterhin nutzbar zu machen. Zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren wurden Häuser, Werkstätten und Mühlen behutsam abgebaut, über Wasserwege transportiert und auf der Fläche der ehemaligen Schanze neu errichtet. Dabei ging es nicht um eine nostalgische Kulisse, sondern um die Erhaltung funktionierender Strukturen. Die Gebäude sollten nicht nur angesehen, sondern benutzt werden. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu klassischen Freilichtmuseen.

Heute ist die Zaanse Schans ein Ort, an dem Alltag und Geschichte ineinandergreifen. Hinter Gardinen wird gekocht, Kinder fahren mit dem Rad über Wege, die von Millionen Besuchern fotografiert werden, und Handwerker gehen ihrer täglichen Arbeit nach. Wer hier unterwegs ist, bewegt sich durch ein Viertel, das lebt. Die grünen Holzhäuser mit ihren weißen Zierleisten erzählen von regionalen Bautraditionen, von Wohlstand und von einem ausgeprägten Sinn für Ordnung und Ästhetik. Viele Fassaden wirken wie frisch gestrichen, doch ihre Proportionen und Details folgen jahrhundertealten Regeln.

Die Mühlen sind das Herz dieses Ortes. Jede von ihnen hatte und hat eine klar definierte Aufgabe. In den Sägemühlen verwandelte sich Baumstamm um Baumstamm in präzise geschnittene Balken – eine Revolution ihrer Zeit, die den niederländischen Schiffbau beschleunigte und verbilligte. In den Ölmühlen wurden Samen gepresst, deren Produkte sowohl in der Küche als auch in der Industrie Verwendung fanden. Die Farbmühlen, allen voran De Kat, produzierten Pigmente, die in ganz Europa gefragt waren. Wer eine dieser Mühlen betritt, versteht schnell, dass Effizienz nicht zwingend laut oder dampfbetrieben sein muss. Das rhythmische Arbeiten der Zahnräder, das Spiel von Wind und Mechanik, wirkt fast meditativ und zugleich beeindruckend präzise.

Neben den großen Maschinen sind es die kleinen Werkstätten, die den menschlichen Maßstab bewahren. Der Holzschuhmacher arbeitet mit routinierten Handgriffen, die sich über Generationen kaum verändert haben. Holz wird eingespannt, geformt, geschliffen, bis aus einem rohen Klotz ein tragbarer Schuh entsteht. In der Käserei reifen Laibe, deren Geschmack von regionaler Tradition erzählt, während in anderen Häusern Senf gemahlen oder Gebäck gebacken wird. Diese Tätigkeiten sind keine Vorführungen im touristischen Sinne, sondern echte Produktion. Das Ergebnis landet auf Tischen, in Regalen oder in Taschen der Besucher.

Ein besonderer Blickfang ist die Rekonstruktion eines kleinen Lebensmittelladens, der die bescheidenen Anfänge einer später landesweit bekannten Supermarktkette markiert. Hier wird sichtbar, wie eng große Wirtschaftsgeschichten oft mit unscheinbaren Orten verbunden sind. Der Laden erinnert daran, dass Innovation nicht immer spektakulär beginnt, sondern häufig aus pragmatischen Lösungen für den Alltag entsteht. In der Zaanse Schans fügt sich diese Geschichte nahtlos ein in das größere Bild einer Region, die Handel und Handwerk früh miteinander verknüpfte.

Ergänzt wird das Freigelände durch das Zaans Museum, das den historischen Rahmen erweitert. Hier wird die Entwicklung der Zaanstreek als Industriegebiet nachvollziehbar, von den ersten Mühlen bis zu späteren Fabriken. Alltagsgegenstände, Verpackungen, Maschinen und multimediale Präsentationen zeigen, wie Arbeit das soziale Leben formte. Das Museum liefert Kontext, ohne die sinnliche Erfahrung draußen zu ersetzen. Es erklärt, was man gesehen hat, und bereitet auf das vor, was man noch entdecken wird.

Foto: Hellas-Bote

Die enorme Beliebtheit der Zaanse Schans ist Fluch und Segen zugleich. Millionen Menschen kommen jedes Jahr, um dieses konzentrierte Stück niederländischer Geschichte zu erleben. Für Reisende bedeutet das eine außergewöhnliche Dichte an Eindrücken, für Anwohner jedoch auch Belastung. Gerade deshalb lohnt es sich, langsamer zu gehen, Seitenwege zu nutzen und den Ort nicht als Checkliste, sondern als Erzählung zu begreifen. Wer innehält, hört den Wind in den Flügeln, das Klopfen von Werkzeug, das Murmeln des Flusses – Geräusche, die seit Jahrhunderten gleich geblieben sind.

Am Ende verlässt man die Zaanse Schans nicht nur mit Fotos, sondern mit einem Gefühl dafür, wie eng Technik, Landschaft und menschliche Arbeit hier verbunden waren und sind. Es ist ein Ort, der nicht versucht, Vergangenheit zu imitieren, sondern sie fortzuschreiben. Die Geschichte liegt nicht hinter Glas, sie dreht sich weiter – angetrieben vom Wind. (mh)