Wo Griechen träumten, wo Lava spricht – Die hellenische Seele Catanias

Catania – eine sizilianische Stadt voller Leben, erbaut aus Feuer, geschliffen vom Meer und tief durchdrungen vom Echo griechischer Antike.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Am Fuße des Ätna gelegen, erhebt sich Catania mit ihrer unverwechselbaren schwarz-grauen Aura – geprägt durch Lavastein und barocke Kunst – als ein Ort, an dem sich Naturgewalt und Kulturgeschichte eindrucksvoll vereinen. Doch hinter dieser Fassade aus sizilianischem Barock schlägt ein Herz, das hellenisches Blut trägt.

Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org

Die Wurzeln Catanias reichen zurück bis ins 8. Jahrhundert v. Chr., als griechische Siedler aus Chalkis in Euböa hier eine Kolonie gründeten: Katane. Es war das Jahr 729 v. Chr., als Thukles und seine Gefährten das neue „griechische Licht“ auf Sizilien entzündeten. Aus Katane wurde ein Zentrum des Handels, der Gesetzgebung – unter dem Einfluss des Gesetzgebers Charondas – und der Dichtung, mit Namen wie Stesichoros oder Xenophanes.

Diese frühen hellenischen Spuren durchziehen Catania wie die Lavaströme des Ätna: mal sichtbar in archäologischen Überresten, mal verborgener, aber stets lebendig im Stadtgefühl. Die Ruinen des antiken Theaters, erbaut aus Marmor und Lavagestein, erinnern an das Bedürfnis der Griechen, das Leben in dramatischer Kunst zu spiegeln – ein Bedürfnis, das in der Cataneser Seele weiterlebt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Katane mehrfach zerstört, erobert und wiedergeboren – von den Syrakusiern unter Hieron (475 v. Chr.) über die Römer (263 v. Chr.) bis hin zu den Arabern und Normannen. Doch immer wieder kehrt die Stadt zu ihrer griechischen Ursprungsenergie zurück – wie ein Vulkan, der nie ganz erlischt.

Im Herzen der Stadt ruht ein Mythos – die Heilige Agatha, Catanias Schutzpatronin. Ihr Martyrium im 3. Jahrhundert n. Chr. verschmilzt mit dem antiken Erbe zu einem dichten Netz aus Kult und Geschichte. Während ihrer jährlichen Feierlichkeiten im Februar wirkt die Stadt wie in Ekstase – ein Echo der alten, orgiastischen Feste des Dionysos? Nicht wenige Besucher spüren in diesen Tagen den uralten Ruf griechischer Rituale.

Heute ist Catania UNESCO-Weltkulturerbe – nicht nur wegen ihrer barocken Pracht, sondern auch wegen der tiefen historischen Schichten, die die Stadt tragen. Die Straßen erzählen von Jahrhunderten des Aufbaus, der Asche und der Wiedergeburt. Und obwohl sich Catania heute als moderne Metropole zeigt – mit florierender Halbleiterindustrie, einer bedeutenden Universität und internationalem Tourismus –, bleibt die Stadt ein Gedächtnisort der griechischen Expansion, ein lebendiges Archiv der Magna Graecia.

Wer durch die Via Etnea schlendert, sieht nicht nur barocke Fassaden. Er sieht die Schatten von Philosophen, die Klänge alter Lyrik, die Seele einer Stadt, deren Fundament aus Griechenland stammt. (sk)

Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org