Wer in diesen Tagen die Frida-Liappa-Halle im Hafen von Thessaloniki betritt, spürt schnell, dass hier mehr verhandelt wird als nur Filme. Zwischen Notebooks, Notizblöcken und gedämpften Gesprächen in mehreren Sprachen entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen an Börse, Atelier und Ideenschmiede erinnert.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Kunst & Kultur – Beim 28. Thessaloniki Dokumentarfilmfestival traf sich am Dienstag im Rahmen der Agora eine internationale Branche, die wissen will, was als Nächstes kommt – und die ihre Antworten in zehn noch unvollendeten Filmen sucht.
Das Format „Docs in Progress“ gehört seit Jahren zu den diskreten, aber entscheidenden Orten des Festivals. Hier treten Regisseure und Produzenten aus Südosteuropa und dem Mittelmeerraum vor ein Fachpublikum aus Einkäufern, Koproduzenten, Vertriebsagenten und internationalen Festivalprogrammierern. Sie bringen keine fertigen Filme mit, sondern Ausschnitte, Versprechen und Visionen. Zehn Minuten lang läuft jeweils eine Auswahl von Szenen, anschließend stehen die Filmemacher selbst auf der Bühne und erklären, wohin die Reise ihrer Projekte gehen soll.
Den Auftakt machte Angeliki Vergou, Leiterin des Marktes der Agora, die das Publikum begrüßte und zugleich den Ton der Veranstaltung setzte. Es sei eine große Freude, so viele Gäste vor Ort zu sehen, sagte sie, verbunden mit der Hoffnung, dass die kommenden Tage mit Gesprächen und Vorführungen produktiv verlaufen würden. Gleichzeitig erinnerte sie daran, dass einige Teilnehmer nicht anreisen konnten – eine Folge der aktuellen Situation im Nahen Osten und der damit verbundenen Reisebeschränkungen. Gerade deshalb, betonte sie, sei man dankbar für die Möglichkeit, die anwesenden Filmschaffenden hier zusammenzubringen und ihnen Unterstützung sowie Beratung anzubieten.
Das Thessaloniki Dokumentarfilmfestival versteht sich seit Jahren als Treffpunkt der internationalen Dokumentarszene, und die Agora fungiert dabei als Marktplatz der Ideen. Auch Festivalprogrammleiter George Krassakopoulos unterstrich diese Rolle. Man arbeite eng mit der Agora zusammen und verfolge ihre Aktivitäten aufmerksam, sagte er. Der bekannte Ausspruch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ sei zwar oft ironisch gemeint, doch die Welt habe ihn längst Realität werden lassen. Deshalb wünsche er den Teilnehmern stattdessen etwas anderes: interessante Projekte und vor allem interessante Begegnungen.
Dass solche Begegnungen entstehen können, verdankt sich nicht zuletzt einem Team, das hinter den Kulissen arbeitet. Vergou nutzte den Moment, um den Mitarbeitern der Agora für ihren unermüdlichen Einsatz zu danken, ebenso dem Produktionsteam und den Partnern der internationalen und griechischen Programme des Festivals. Sie hätten maßgeblich zur Auswahl der Projekte beigetragen. Auch die Sponsoren der Agora erwähnte sie ausdrücklich – ohne deren Unterstützung viele künstlerische Arbeiten schlicht nicht entstehen könnten.
Ein Blick in den diesjährigen Katalog, der aus Gründen des Umweltschutzes erstmals ausschließlich digital erscheint, zeigt ein Programm, das geografisch und thematisch weit ausgreift. Von Griechenland über Frankreich bis in die USA und nach Jordanien reichen die Produktionsländer. Bevor jedoch die ersten Bilder auf der Leinwand erschienen, erinnerte Vergou das Publikum noch an eine wichtige Spielregel: Die gezeigten Ausschnitte befinden sich in einem sensiblen Produktionsstadium. Diskretion sei daher unerlässlich.
Die organisatorische Regie des Nachmittags lag bei Thanos Stavropoulos, Marktmanager und Koordinator von Docs in Progress, sowie bei Elena Gaitanarou. Gemeinsam stellten sie die Jury vor, die in diesem Jahr über mehrere Preise entscheiden wird. Zu ihr gehören die deutsche Vertriebsagentin und Festivalmanagerin Anja Dziersk von Rise And Shine World Sales, der ägyptische Filmkritiker Ahmed Shawky, der unter anderem für FIPRESCI tätig ist und die CineGouna-Förderung des El Gouna Filmfestivals leitet, sowie die rumänische Produzentin Ada Solomon von MicroFILM, eine der prägenden Persönlichkeiten des osteuropäischen Autorenkinos.
Zehn Filme, so erklärte Stavropoulos, seien in diesem Jahr ausgewählt worden – „zehn wunderschöne Filme“, wie er es formulierte. Jede Präsentation beginne mit einem rund zehnminütigen Ausschnitt, gefolgt von einer kurzen Vorstellung der Filmemacher und einer Fragerunde mit dem Publikum. Koordiniert werde der Ablauf von der in Deutschland arbeitenden Regisseurin und Beraterin Zeynep Güzel, die seit Jahren eng mit der Agora verbunden ist. Ihr Beitrag zur Betreuung der Teilnehmer sei von unschätzbarem Wert, betonte Stavropoulos.
Güzel selbst dankte dem Festival und den Partnern der Agora für die Möglichkeit, eine Plattform für Begegnung und Zusammenarbeit geschaffen zu haben. Mit diesen Worten eröffnete sie offiziell die Reihe der Präsentationen – ein Moment, in dem die konzentrierte Erwartung im Saal spürbar anstieg.
Die Projekte konkurrieren um mehrere Auszeichnungen, die nicht nur Prestige, sondern auch konkrete Hilfe in der Endphase der Produktion bedeuten. Dazu gehört der Postproduktionspreis der Firma Two Thirty Five (2|35), ebenso ein Untertitelungspreis des Jugendfilmfestivals. Das Hellenische Zentrum für Kino, audiovisuelle Medien und Kreativität (EKKOMED) vergibt einen mit 3000 Euro dotierten Preis für ein griechisches Projekt. Neu hinzugekommen ist der IMPRONTA FILMS Award, der Beratungsleistungen zu Festivalstrategie, Marketing und Promotion umfasst. Außerdem stiftet die Onassis-Stiftung einen mit 5000 Euro dotierten Filmpreis für ein griechisches Projekt aus der Agora, das entweder am Thessaloniki Pitching Forum oder an Docs in Progress teilnimmt.
Die Vielfalt der präsentierten Filme spiegelt die geografische Spannweite des Programms. Aus Griechenland etwa kommt „AIPOS“ von Regisseur Christos Adrianopoulos, produziert von Antigone Kapaka für Alipnoos SA in Koproduktion mit Breaking Wave Productions aus Zypern. Ebenfalls aus Griechenland stammt „Eye 2307“ von Marianna Kakaounaki, die ihren Film selbst produziert hat.
Ein international verzweigtes Projekt ist „K.“ von Panagiotis Papafrangos. Produziert wird der Film von Dog Star Films in Griechenland, beteiligt sind außerdem Film Kolektiv aus der Tschechischen Republik sowie das Eye Filmmuseum Amsterdam in den Niederlanden. Auch der Titel „Vorsicht, wo Sie etwas Süßes essen!“ von Regisseurin Smaro Papaevangelou ist eine griechische Produktion, realisiert von Marni Films mit den Produzentinnen Iro Aidoni und Mina Nreki.
Darüber hinaus öffnet sich das Programm weit über Griechenland hinaus. Die französische Regisseurin Jeanne Nouchi ist mit „Anatolia“ vertreten, produziert von Maud Berbille für MB17 Films. „Immortal Flowers“ wiederum ist eine Zusammenarbeit zwischen den USA und der Ukraine: Regisseur Brian Logvinsky arbeitet mit den Produzenten Harrison Jaffee und Anna Konik von Catharsis Pictures sowie Tommaso Rositani von FFB Pictures zusammen, während Eugene Rachkovsky von Tabor Production als Koproduzent beteiligt ist.
Auch der Nahe Osten ist präsent. Die jordanische Regisseurin Rama Ayasra stellt ihr Projekt „Landwards“ vor, produziert von Asmahan Bkerat für Arkima Productions. Ein weiteres transnationales Projekt ist „Our Seeds“ (Arbeitstitel) von Erhan Arik, eine Koproduktion zwischen der Türkei, Griechenland und Deutschland mit Horovel Films, Anemon Productions und Paradoks Filmproduktion.
Schließlich findet sich mit „Stratum“ eine Zusammenarbeit zwischen Serbien und Kosovo. Regie führen Daniel Kötter und Marko Grba Singh, produziert wird der Film von Jelena Angelovski für Obol Film, in Koproduktion mit Eroll Bilibani und Veton Nurkollari vom DokuFest.
Außer Konkurrenz wurde zudem das Projekt „MIT 17:00“ von Giorgos Teltzidis präsentiert, produziert von Onassis Culture mit Christos Sarris als kreativem Produzenten sowie Vassilis Panagiotakopoulos.
Während die Ausschnitte auf der Leinwand laufen, bleibt das Licht im Saal gedämpft, aber nicht ganz gelöscht – eine symbolische Geste für Filme, die sich noch im Werden befinden. Für die Filmemacher bedeutet dieser Moment eine Mischung aus Hoffnung und Nervosität. Hier entscheidet sich oft, ob ein Projekt die Aufmerksamkeit von Koproduzenten, Verleihern oder Festivals auf sich zieht.
Dass Thessaloniki dafür ein geeigneter Ort ist, liegt nicht zuletzt an seiner Lage zwischen kulturellen Räumen. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Knotenpunkt für das Kino Südosteuropas entwickelt. Die Agora wiederum ist zu einem Forum geworden, in dem Ideen aus unterschiedlichen Ländern zusammentreffen – und manchmal auch gemeinsame Produktionen entstehen.
Als sich am Ende des Nachmittags die Teilnehmer für ein Gruppenfoto versammeln, wirkt die Szene fast wie eine Momentaufnahme der internationalen Dokumentarszene: Regisseure, Produzenten, Kritiker und Festivalmacher aus mehreren Kontinenten stehen nebeneinander, verbunden durch das gemeinsame Interesse an Geschichten aus der Wirklichkeit. (mv)





