Wenn das Mittelmeer zum Sturmgebiet wird

Über die rätselhaften „Medicanes“ – und warum Griechenland besonders betroffen ist.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Natur & Umwelt – Der Blick auf Satellitenbilder wirkt vertraut: eine spiralförmige Wolkenstruktur, ein wolkenarmes Zentrum, ausladende Regenbänder – ein klassischer tropischer Wirbelsturm, wie man ihn aus der Karibik kennt. Doch der Ort täuscht. Dieses Wettersystem entsteht nicht über den warmen Weiten des Atlantiks oder Pazifiks, sondern über dem vergleichsweise kleinen, halbgeschlossenen Becken des Mittelmeers. Meteorologen nennen diese seltenen, aber zunehmend aufmerksam beobachteten Stürme Medicanes, ein Kofferwort aus „Mediterranean“ und „Hurricane“. Für Griechenland sind sie inzwischen zu einem Synonym für extreme Wetterlagen geworden.

Medicanes gehören zu den ungewöhnlichsten Erscheinungen der europäischen Meteorologie. Sie bilden sich im Schnitt etwa einmal pro Jahr und verbinden Eigenschaften zweier eigentlich unterschiedlicher Sturmtypen: des außertropischen Tiefdrucksystems der gemäßigten Breiten und des tropischen Wirbelsturms.

Die Entstehung beginnt meist im Herbst, wenn die Temperaturgegensätze über dem Mittelmeer besonders ausgeprägt sind. Kalte Luft aus höheren Breiten dringt nach Süden vor und bildet in der Höhe ein sogenanntes Cut-Off-Tief – ein vom Jetstream abgetrenntes Höhentief. Gleichzeitig ist das Mittelmeer nach den Sommermonaten noch vergleichsweise warm. Aus seiner Oberfläche verdunstet große Mengen Feuchtigkeit, die in den unteren Luftschichten kondensieren und kräftige Gewitterkonvektion antreiben.

Unter diesen Bedingungen kann sich ein Wirbel bilden, dessen Struktur aus der Vogelperspektive einem tropischen Hurrikan erstaunlich ähnelt. Durch Abwärtsbewegungen im Zentrum löst sich dort die Bewölkung teilweise auf; ein Auge entsteht, und die Luft erwärmt sich. Doch anders als echte tropische Wirbelstürme entwickeln Medicanes kein vollständig selbsttragendes System.

Tief Qendresa (I) am 7. November 2014 um 12:10 Uhr (NASA/GSFC) mit kurzzeitiger Augenbildung; gut erkennbar jeweils wolkenfrei der Scirocco an der Vorderseite (Südosten), und die polare Kaltluft an der Rückseite (Nordwesten) – Foto: MODIS image captured by NASA’s Aqua satellite – EOSDIS Worldview, Gemeinfrei, wikimedia.org

Der entscheidende Unterschied liegt in der Energiequelle. Ein Hurrikan über den Ozeanen stabilisiert sich durch die kontinuierliche Freisetzung latenter Wärme aus der Kondensation über sehr warmem Wasser. Im Mittelmeer dagegen ist das Einzugsgebiet zu klein, die Energiezufuhr zu begrenzt. Medicanes werden deshalb überwiegend von äußeren atmosphärischen Prozessen angetrieben – etwa durch das Höhentief und den Zustrom unterschiedlicher Luftmassen.

Das Ergebnis ist ein kurzlebiger Sturm: Während tropische Hurrikane mehrere Tage oder sogar Wochen bestehen können, dauert das Leben eines Medicane meist nur rund zwei Tage. Auch die Windstärken bleiben in der Regel moderater. Nur selten erreichen sie die Schwelle eines echten Hurrikans. Häufig bewegen sie sich im Bereich eines kräftigen Sturms mit Windgeschwindigkeiten bis etwa 120 Kilometer pro Stunde. Meteorologen haben dennoch eine Klassifikation eingeführt, die sich an der bekannten Hurrikan-Skala orientiert:

  • Mediterranean Tropical Depression: unter 63 km/h
  • Mediterranean Tropical Storm: 64 bis 111 km/h
  • Medicane (mediterraner Hurrikan): ab etwa 112 km/h

Bemerkenswert ist auch die innere Struktur dieser Systeme. Während tropische Wirbelstürme einen warmen Kern durch die gesamte Troposphäre besitzen, bleibt dieser bei Medicanes meist auf die unteren Luftschichten beschränkt und wird von einem kalten Kern in der Höhe überlagert. Zudem treten die stärksten Winde nicht im unmittelbaren Umfeld des Auges auf, sondern – ähnlich wie bei klassischen Sturmtiefs – entlang der spiralförmigen Frontensysteme.

Die geografische Lage des Mittelmeerraums verleiht diesen Stürmen zusätzliche Komplexität. Sie entstehen an einer meteorologischen Grenzlinie: Auf ihrer Südostseite wird häufig heiße Luft aus der Sahara herangeführt, bekannt als Scirocco. Gleichzeitig strömt auf der Rückseite kühlere Atlantik- oder Polarluft ein. Diese Konstellation verleiht dem Sturm seine Energie – und macht seine Entwicklung schwer vorhersagbar. Zudem bewegen sich Medicanes in der Regel ostwärts, gesteuert von der Westwinddrift, also entgegen der Zugrichtung tropischer Hurrikane in der innertropischen Konvergenzzone.

Foto: Hellas-Bote

Für Griechenland haben diese Stürme eine besondere Bedeutung. Das Land liegt in einem der Bereiche, in denen Medicanes bevorzugt auftreten: im Ionischen Meer und im östlichen Mittelmeer. Die komplexe Topographie aus Inseln, Halbinseln und Gebirgsketten verstärkt häufig die Niederschläge.

Ein besonders dramatisches Beispiel ereignete sich im November 2017. Ein Medicane, der in italienischen Medien den Namen „Attila“ erhielt und in Griechenland gelegentlich „Zenon“ genannt wurde, brachte schwere Sturzfluten. Straßen verwandelten sich binnen Minuten in reißende Flüsse, ganze Stadtviertel wurden überschwemmt.

Ein weiteres Ereignis folgte im September 2018: Der Sturm „Zorbas“ verursachte heftige Regenfälle und Orkanböen, die besonders den Peloponnes und Teile Attikas trafen. Ähnliche Bilder wiederholten sich im September 2020, als der Medicane „Ianos“ über dem Ionischen M eer entstand und Griechenlands Westküste mit Sturmfluten und Starkregen überzog. Diese Ereignisse zeigen ein wiederkehrendes Muster: Selbst wenn die Windgeschwindigkeiten unterhalb klassischer Hurrikanwerte bleiben, können Medicanes enorme Niederschlagsmengen bringen. Binnen weniger Stunden fallen oft Regenmengen, die sonst über Wochen verteilt auftreten.

Der Begriff „Medicane“ selbst ist vergleichsweise jung. Erst in den 1980er Jahren entdeckten Meteorologen auf Satellitenbildern Mittelmeertiefs mit spiralförmigen Wolkenbändern und einem wolkenarmen Zentrum. Das erinnerte stark an tropische Zyklone – und führte zur Wortschöpfung „Mediterranean Hurricane“. Bis heute ist die wissenschaftliche Einordnung jedoch umstritten. Einige Forscher sehen Medicanes als eine Sonderform außertropischer Tiefdrucksysteme, andere als subtropische Wirbelstürme. Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen beiden Kategorien.

Ein Problem der Forschung ist die geringe Datenbasis. Medicanes treten selten auf und wurden erst relativ spät systematisch untersucht. Hinzu kommt die komplizierte Geographie des Mittelmeerraums mit seinen zahlreichen Einflussfaktoren: Gebirge, unterschiedliche Wassertemperaturen und die Wechselwirkung mehrerer Luftmassensysteme.

Auch bei der Benennung der Stürme herrscht wenig Einheitlichkeit. Während tropische Hurrikane weltweit nach festgelegten Listen benannt werden, existiert für Medicanes kein verbindliches System. Der deutsche Wetterdienst der Freien Universität Berlin vergibt zwar seit Jahrzehnten Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete, doch nur für jene Systeme, die in Mitteleuropa wetterwirksam sind. Viele Medicanes bleiben deshalb offiziell namenlos. Andere erhalten von nationalen Wetterdiensten oder sogar von Medien eigene Bezeichnungen – mitunter mehrere gleichzeitig. So wurde der Medicane des Jahres 2017 in Italien „Attila“ genannt, während griechische Medien gelegentlich den Namen „Zenon“ verwendeten.

Für Griechenland und andere Mittelmeeranrainer könnte das Thema künftig an Bedeutung gewinnen. Einige Klimamodelle deuten darauf hin, dass sich die Intensität solcher Stürme mit steigenden Wassertemperaturen erhöhen könnte, auch wenn ihre Gesamtzahl möglicherweise gleich bleibt. Fest steht: Das Mittelmeer ist kein klassisches Hurrikangebiet. Doch gelegentlich verwandelt sich das scheinbar ruhige Binnenmeer in eine Bühne für Stürme, die tropische und europäische Wetterdynamik miteinander verbinden. Für Griechenland, mit seinen langen Küsten und dicht besiedelten Küstenregionen, bedeutet das vor allem eines: Wachsamkeit gegenüber einem meteorologischen Phänomen, das ebenso selten wie zerstörerisch sein kann. (sk)

Foto: Hellas-Bote