Ein Wind weht über die griechische Insel Salamis, dort, wo 1848 ein Hirtenjunge geboren wurde, der später zu einem der bedeutendsten Maler Griechenlands werden sollte.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman
Kunst & Kultur – Polychronis Lembesis, dessen Name heute in den Kunstkreisen wieder auftaucht, verbrachte seine Kindheit zwischen Olivenhainen und schimmernden Buchten, eine Landschaft, die seine spätere Liebe zur Naturmalerei tief prägen sollte. Schon früh zog es ihn in die Hauptstadt: In Athen begann Lembesis seine künstlerische Ausbildung, bevor er nach München aufbrach, um an der renommierten Akademie der Bildenden Künste bei Wilhelm Lindenschmit dem Jüngeren und Ludwig von Löfftz zu studieren. Dort, in der Metropole des 19. Jahrhunderts, lernte er Nikolaus Gysis kennen, einen Maler, der ihm nicht nur zur Freundschaft, sondern auch zum Eintritt in die angesehene Münchner Malschule verhalf.
1880 kehrte Lembesis nach Griechenland zurück und ließ sich in Athen nieder – in Sichtweite des ehrwürdigen Theseus-Tempels. Die Stadt, pulsierend und kulturell im Umbruch, bot ihm neue Inspiration. In den folgenden Jahren vollzog sich ein Wandel in seinem Schaffen: Von der präzisen deutschen akademischen Malerei wandte er sich den modernen Strömungen aus Paris zu. Dabei blieb er seiner Heimat verbunden, griff griechische Motive auf und verband europäische Technik mit mediterranem Licht und Stimmung.
Landschaften malte er mit einer beeindruckenden Sensibilität für Licht und Atmosphäre, doch bald wurde Lembesis vor allem für seine Porträts berühmt. Wohlhabende Athener Bürger standen ihm Modell, seine Bilder schmückten Salons und private Sammlungen. Gleichzeitig unterrichtete er junge Talente, darunter die Kinder des Richters und späteren Premierministers Stephanos Dragoumis. Auch sakrale Kunst gehörte zu seinem Repertoire: Ikonen und Wandmalereien für Kirchen im Athener Raum entstammen seiner Hand, und in seinem Atelier entstanden Werke, die den Betrachter bis heute in Bann ziehen.
Trotz seines unbestreitbaren Talents blieb Lembesis persönlich von materieller Not geprägt. Wie sein Freund, der Schriftsteller Alexandros Papadiamantis, verstarb er 1913 verarmt. Seine Beerdigung konnte nur durch den Verkauf seiner Werke zu lächerlich geringen Preisen finanziert werden. Von seinen zahlreichen Bildern haben sich lediglich rund 100 Werke erhalten, darunter Meisterstücke wie „Nackte“, „Die Nichte des Künstlers“, „Das Mädchen mit den Tauben“, „Der Junge mit den Hasen“ oder „Der Lausbub“. Jahrzehnte nach seinem Tod erkannte die Kunstwelt endlich die Bedeutung Lembesis’ und ehrte ihn als einen der größten Maler Griechenlands. Heute kann man seine Werke in der Nationalgalerie Athen bewundern, wo sie Zeugnis ablegen von einem Künstler, der zwischen Tradition und Moderne wandelte, zwischen Armut und künstlerischer Größe. (ea)





