Es ist kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Wasseroberfläche des griechischen Karla-Sees zu dampfen beginnt. Nebel hängt wie ein Schleier über den Schilfinseln, die Vögel erwachen mit einem leisen Zirpen – und irgendwo, fast lautlos, gleitet ein Schatten durchs Wasser. Nur ein kurzer Blub, ein Wellenkreis – dann ist er verschwunden.
Von HB-Redakteur Panos Ventouris
Natur & Umwelt – Wer Glück hat, erhascht einen Blick auf ihn: den Fischotter, Lutra lutra. Elegant, neugierig und doch scheu ist er zurückgekehrt in ein Land, das ihn fast vergessen hatte.
Der Karla-See, rund 300 Kilometer nördlich von Athen, ist kein gewöhnlicher Ort. Einst – in der Antike als „Boibeis-See“ bekannt – soll hier der Gott Apollo geheiratet haben. Später wurde das Gewässer trockengelegt, um Felder zu schaffen. Was blieb, war Staub. Jahrzehntelang klagten die Bauern über versalzene Böden, verdorrte Ernten und das Fehlen des Lebens, das einst die weite Ebene prägte. Erst in den letzten Jahren hat sich das Bild wieder gewandelt.
Nach einem der größten Renaturierungsprojekte Europas, finanziert mit Unterstützung der Europäischen Union, kehrte das Wasser zurück. Wo einst Ackerstaub wehte, schimmern nun wieder 50 Quadratkilometer stiller See. Und mit dem Wasser kehrte auch das Leben zurück – Reiher, Kormorane, Frösche, Schlangen und, als Krönung, der Fischotter.
Der Fischotter ist kein gewöhnlicher Bewohner dieser Landschaft. Als Spitzenprädator steht er am Ende der Nahrungskette – und fungiert als Indikator für den Zustand der Feuchtgebiete. Nur dort, wo Wasserqualität, Nahrungsangebot und Rückzugsräume stimmen, fühlt sich Lutra lutra wohl. „Der Otter ist unser natürliches Thermometer“, erklärt eine Biologin, „Wenn er da ist, funktioniert das Ökosystem.“
Deshalb ist die laufende Überwachung seiner Populationen von so großer Bedeutung. Im Rahmen eines Projekts des Verwaltungsorgans der Schutzgebiete von Thessalien, unter der Schirmherrschaft der N.E.C.C.A., wurden in 16 Natura-2000-Gebieten neue Probenahmestationen eingerichtet.
Von den Quellen des Flusses Pineios über seine Mündungen bis hin zu künstlichen Stauseen und Bewässerungskanälen werden Spuren gesammelt, Exkremente analysiert und Lebensräume kartiert. Selbst kleinste Pfotenabdrücke im Schlamm werden zu Hinweisen im Puzzle des Überlebens.

Fischotter sind wahre Künstler der Anpassung. Sie schwimmen mit einer Eleganz, die an Delfine erinnert, und tauchen bis zu acht Minuten unter Wasser. Doch sie sind keine reinen Wassertiere: Ihre Höhlen liegen meist an Land, oft verborgen zwischen Wurzeln oder unter Felsüberhängen.
Ihr dichtes Fell – eines der feinsten im Tierreich – verlangt nach Süßwasser, um Salzreste auszuwaschen. Deshalb meiden sie dauerhaft salzhaltige Küsten und suchen Flüsse, Seen und Lagunen mit klarem Wasser auf.
Ihre Ernährung spiegelt die Vielfalt der Region wider: Fische machen den größten Anteil aus, doch auch Krabben, Garnelen, Frösche, Wasserschlangen, kleine Säugetiere und Vögel stehen auf dem Speiseplan. In den mediterranen Gebieten wie Thessalien variiert die Beute mit den Jahreszeiten – ein Zeichen für die Flexibilität dieser Art. Otter sind Einzelgänger. Nur Mütter mit Jungen teilen sich für einige Monate ihr Revier. Die Männchen wandern weite Strecken – in linearen Flusssystemen können ihre Gebiete bis zu 40 Kilometer lang sein, in Küstenregionen etwa fünf. Weibchen verwalten kleinere Bereiche, oft nicht mehr als wenige Kilometer entlang eines Seeufers.
Beispielhafte Daten aus anderen Ländern zeigen, wie unterschiedlich der Platzbedarf sein kann: In Bulgarien bewohnt ein Weibchen gerade einmal 2,2 Kilometer Uferzone, während ein Männchen in Italien bis zu 44 Kilometer beansprucht.
Solche Erkenntnisse helfen den Forschern in Thessalien, die Ausdehnung der Schutzgebiete besser zu planen – und Konflikte mit landwirtschaftlicher Nutzung zu vermeiden.
Das Überwachungsprogramm ist nicht nur ein wissenschaftliches Projekt, sondern auch eine Schule des Bewusstseins. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verwaltungsorgans werden geschult – in Biologie, Erfassungsmethoden und Protokollen zur Beobachtung von Arten.
Feldforschungen, GPS-Messungen, Analysen von Spuren und Futterresten – all das liefert Daten, um den Zustand der Fischotterpopulation langfristig zu sichern. Gleichzeitig zeigt der Karla-See, wie Mensch und Natur wieder in Einklang kommen können. Nach seiner Wiederherstellung beherbergt das Gebiet heute eine beeindruckende Vielfalt: Schilfwälder, kleine Inseln, Feuchtwiesen, aber auch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Der benachbarte Berg Mavrovouni, mit seinen Eichen- und Kastanienwäldern, bietet zusätzlichen Schutzraum für Wildtiere.

Doch der Erfolg bleibt fragil. Landwirtschaftliche Einträge, industrielle Abwässer und der Klimawandel bedrohen die empfindliche Balance des Sees. In den 1980er-Jahren führten Bewässerungsreservoirs zu Eutrophierung, also einer Überdüngung des Wassers – Schilf und Algen wucherten.
Heute arbeiten Behörden und Wissenschaftler gemeinsam daran, solche Entwicklungen zu verhindern. Der Fischotter ist dabei das Symbol dieser Bemühungen – ein leiser Wächter des Wassers.
Vielleicht ist es eine Ironie der Geschichte, dass derselbe See, der einst für den Fortschritt geopfert wurde, nun als Modellprojekt des europäischen Naturschutzes gilt.
Der Karla-See steht nicht nur für ökologische Wiederherstellung, sondern auch für Hoffnung: Dass verlorene Landschaften heilen können – wenn man sie lässt. Und dass ein scheuer, pelziger Bewohner mit glänzenden Augen und nassem Fell zum Botschafter eines neuen Gleichgewichts werden kann. (pv)




