Megara Hyblaea – Wo Griechenland Wurzeln schlug

Im Schatten des modernen Industriegebiets von Augusta-Priolo ruht eine Stadt, die einst vom Geist des alten Griechenlands erfüllt war – Megara Hyblaea, gegründet im Jahr 729 v. Chr. durch Kolonisten aus dem griechischen Mutterland Megara.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Diese heute weitgehend vergessene Siedlung zählt zu den ältesten griechischen Kolonien auf Sizilien und bewahrt bis heute die steinernen Spuren einer Zeit, in der Hellas seine kulturellen und politischen Ideen weit über die Ägäis hinaus trug.

Die Stadt entstand in einer Epoche, als sich das antike Griechenland im Aufbruch befand. Mit mutigen Schritten über das Meer errichteten die Siedler in der Fremde eine neue Polis, getragen von der Hoffnung auf Wohlstand und politische Unabhängigkeit. Schon bald florierte Megara Hyblaea als Zentrum des Seehandels. Ihre Struktur war außergewöhnlich: Es war die erste griechische Stadt, die planmäßig mit einer Agora, dem zentralen Versammlungs- und Marktplatz, angelegt wurde – ein städtebauliches Konzept, das die Weltgeschichte prägen sollte.

Foto: Davide Mauro, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org

Die Anordnung der Wohnviertel in trapezförmigen Parzellen, das beeindruckende Straßennetz und die Anlage von Kultstätten zeigen eindrucksvoll, wie fortschrittlich das urbanistische Denken jener Zeit war. Auch religiös und spirituell knüpften die ersten Siedler an die Vergangenheit an: Sie nutzten einen steinzeitlichen Siedlungsplatz als Kultstätte – ein symbolischer Akt der Aneignung und Kontinuität.

Als Megara Hyblaea im 7. Jahrhundert v. Chr. anwuchs, zog ein Teil der Bevölkerung weiter und gründete die mächtige Kolonie Selinunt, ein weiterer Meilenstein griechischer Präsenz auf Sizilien.

Doch nicht nur Blüte, auch Zerstörung schrieb sich in das Schicksal der Stadt ein. 483 v. Chr. wurde Megara Hyblaea von Gelon von Syrakus niedergebrannt. Ein zaghaftes Wiederaufleben unter Timoleon um 340 v. Chr. endete mit der römischen Eroberung im Jahr 213 v. Chr., nach der die Stadt endgültig unterging.

Heute liegt die antike Stadt zwischen Industrieanlagen verborgen – ein fast vergessener Schatz hellenistischer Geschichte. Doch wer die Stille zwischen den Säulen, Steinen und Fundamenten sucht, findet dort das leise Wispern einer Welt, die einst das Licht des griechischen Geistes in die Ferne trug.

Die Erforschung von Megara Hyblaea begann erst spät – ab 1949 widmeten sich Georges Vallet und François Villard der Ausgrabung, die bis heute andauert. Im Antiquarium vor Ort sowie im Archäologischen Museum von Syrakus erzählen Funde wie Tongefäße, Inschriften und Votivgaben von einer lebendigen Stadt mit einer reichen kulturellen Identität.

Megara Hyblaea bleibt ein eindrucksvolles Zeugnis für die Ausbreitung griechischer Kultur, für den Dialog zwischen Hellas und der westlichen Welt, und für den Wandel, den jede Zivilisation durchläuft – zwischen Aufstieg und Untergang, zwischen Erinnerung und Vergessen. (sk)

Foto: Clemensfranz, CC BY 2.5, wikimedia.org