Wer sich auf eine Reise in die Vergangenheit einlassen möchte, muss die staubigen Wege hinauf zu den Höhen von Karphi gehen, wo Geschichte und Mythos in einer beeindruckenden Kulisse miteinander verschmelzen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Hier, auf über 1100 Metern Höhe, weht ein rauer Wind über die uralten Mauern, der noch immer Geschichten von Flucht, Hoffnung und Überleben zu erzählen scheint. Wer hier steht, spürt die Kraft einer vergangenen Welt und gleichzeitig die tiefe Verbindung zur wilden Schönheit Kretas, die seit Jahrtausenden Menschen inspiriert und geprägt hat.

Karphi, benannt nach dem markanten Gipfel, erhebt sich am Westrand des Selena-Gebirges und bietet einen einzigartigen Blick über die fruchtbare Nisimos-Hochebene bis hin zur glitzernden Nordküste bei Malia. Diese spätminoische Höhensiedlung entstand in einer unruhigen Epoche um 1200 v. Chr., als die Inselbewohner Zuflucht vor den Bedrohungen der Küsten suchten. Die Menschen bauten hier einstöckige Häuser, legten gepflasterte Straßen an und errichteten sogar einen Schrein mit Altar, in dem sie ihre Götter verehrten. Archäologen wie John Pendlebury legten die Überreste im 20. Jahrhundert frei, doch nur ein Teil des ursprünglichen Siedlungsgebiets konnte bislang untersucht werden.
Besonders eindrucksvoll ist das sogenannte „große Haus“ im Westviertel, das auf die Bedeutung dieser Siedlung hinweist. Archäologische Funde zeigen, dass Karphi einst bis zu 3500 Bewohner beherbergen konnte – eine erstaunliche Zahl angesichts der harschen Lebensbedingungen in dieser Höhe. Die Bewohner lebten von der Jagd, hielten Viehherden und nutzten die terrassierten Hänge für den Olivenanbau. Zwei Friedhöfe mit Tholosgräbern und weitere kleine Begräbnisstätten nahe der Quellen Vitzelovrysis und Astividero geben einen Einblick in die Bestattungskultur jener Zeit.
Die Entstehung von Karphi fällt in die Phase der sogenannten „Seevölkerstürme“, einer Epoche großer Umwälzungen im östlichen Mittelmeerraum. Der englische Archäologe Richard Wyatt Hutchinson deutete die Ansiedlung in den Bergen als bewussten Rückzugsort, gewählt aus Gründen der Sicherheit, obwohl die klimatischen Bedingungen dort rau und die Winter lang und schneereich waren. Trotz aller Härten entwickelte sich hier eine kleine, widerstandsfähige Gemeinschaft, die das kulturelle Erbe der Minoer in den Bergen bewahrte.
Nach etwa zwei Jahrhunderten wurde Karphi schließlich um 950 bis 900 v. Chr. aufgegeben. Heute erinnern die spärlichen, von Vegetation überwucherten Mauern an diese einst blühende Siedlung, deren Keramikfunde im Archäologischen Museum von Iraklio zu bewundern sind. Wer die Mühe des Aufstiegs auf sich nimmt, wird jedoch nicht nur mit einem unvergleichlichen Blick über Kreta belohnt, sondern auch mit dem Gefühl, an einem Ort zu stehen, an dem Geschichte noch immer lebendig wirkt. (sk)

