Wenn der Winter sich langsam verabschiedet und die Vorfreude auf das Osterfest steigt, beginnt in Griechenland eine der farbenprächtigsten und ausgelassensten Zeiten des Jahres: der Karneval, oder wie die Griechen ihn nennen – Apokries. Zehn Wochen vor dem griechisch-orthodoxen Osterfest verwandeln sich Städte und Dörfer in ein buntes Meer aus Masken, Musik und Traditionen, das die Menschen in seinen Bann zieht.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Aktuell/Kultur – Der griechische Karneval beginnt mit der feierlichen Eröffnung des Triodion, einer liturgischen Zeremonie, die den Countdown bis Ostern markiert. Doch bevor die Fastenzeit beginnt, wird noch einmal ausgiebig gefeiert. Ein Höhepunkt dieser Festlichkeiten ist der „Tsiknopempti“, der „Rauchige Donnerstag“. An diesem Tag ziehen Grilldüfte durch das ganze Land, wenn Familien und Freunde zusammenkommen, um Fleisch in rauen Mengen zu genießen – ein letztes Mal vor dem Fastenverzicht auf Fleisch.
Doch Apokries ist mehr als nur ein kulinarisches Fest. Die Straßen füllen sich mit Karnevalsumzügen, aufwendigen Maskeraden und ausgelassenen Tanzveranstaltungen. Besonders das letzte Wochenende vor der Fastenzeit wird in ganz Griechenland mit großem Enthusiasmus gefeiert. Höhepunkt ist der „Käsekostsonntag“ (Tyrofagos), an dem sich die Feierlichkeiten mit einem Hauch von Tradition und Besinnlichkeit vermischen. Während die Gläubigen an die Vertreibung Adams aus dem Paradies erinnert werden, stehen gleichzeitig Freude, Verkleidung und das gemeinsame Feiern im Mittelpunkt.
Wer den Karneval in seiner vollen Pracht erleben will, kommt an Patras nicht vorbei. Die Hafenstadt gilt als die Karnevalshochburg Griechenlands und lockt jedes Jahr Tausende von Besuchern an. Die Festlichkeiten beginnen bereits im Januar, doch am letzten Karnevalswochenende erreicht das Spektakel seinen Höhepunkt. Dann ziehen gigantische Umzugswagen durch die Straßen, begleitet von Tänzern, Musikern und einer ausgelassenen Menge, die den Karnevalskönig und seine Königin feiert. Ein rauschendes Fest, das mit Feuerwerken und spektakulären Paraden unvergessliche Momente schafft.
Während Patras für seine opulenten Paraden bekannt ist, bewahrt die Stadt Galaxidi eine völlig andere, aber ebenso faszinierende Tradition. Am „Sauberen Montag“, dem ersten Tag der Fastenzeit, findet hier die legendäre Mehl- und Farbschlacht statt. Besucher und Einheimische bewerfen sich gegenseitig mit buntem Mehl und Farbpulver – ein uralter Brauch, der einst die abfahrenden Matrosen unterhalten sollte. Heute ist es ein Spektakel, das niemand sauber verlässt und das die Lebensfreude und den spielerischen Geist des griechischen Karnevals perfekt widerspiegelt.
Ein weiteres Highlight der Karnevalssaison findet sich in der thrakischen Stadt Xanthi. Seit 1966 begeistert dieser folkloristische Volkskarneval Besucher mit seinem multikulturellen Flair. Besonders der Samstagabend vor dem „Sauberen Montag“ steht im Zeichen der Balkan-Volksmusik, wenn Gruppen aus ganz Griechenland zusammenkommen, um auf dem Hauptplatz eine unvergessliche Nacht zu feiern. Krönender Abschluss ist das traditionelle Verbrennen der „Tzaros“-Puppe auf einem Reisighaufen – ein symbolischer Akt, der das Böse vertreiben und einen Neuanfang herbeiführen soll.
Wer den Karneval in seiner ursprünglichsten Form erleben möchte, sollte zur Ägäis-Insel Skyros reisen. Hier durchstreifen Männer in Ziegenfellen, mit schwarzen Kapuzenmänteln und überdimensionalen Ziegenglocken die Straßen. Ihr Ziel? So laut wie möglich sein, um böse Geister zu vertreiben und das kommende Osterfest zu begrüßen. Die Zuschauer tanzen mit ihnen, stoßen auf die festliche Jahreszeit an und feiern eine jahrhundertealte Tradition, die tief in der griechischen Kultur verwurzelt ist.
Der griechische Karneval ist weit mehr als ein bloßes Fest – er ist ein kulturelles Erbe, das sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat und bis heute Menschen zusammenbringt. Ob pompöse Paraden in Patras, bunte Mehlschlachten in Galaxidi oder archaische Rituale auf Skyros – jede Region Griechenlands bringt ihre eigene Note in dieses rauschende Fest der Lebensfreude ein. Und während der Karneval mit dem „Sauberen Montag“ endet und das Fasten beginnt, bleibt eines sicher: Die Erinnerungen an diese farbenfrohe, ausgelassene Zeit werden bis zum nächsten Jahr lebendig bleiben. (mv)





