In den sonnenverwöhnten Landschaften Griechenlands, zwischen Olivenhainen, Felsplateaus und Buschlandschaften, lebt eines der beeindruckendsten Reptilien Europas – die Breitrandschildkröte (Testudo marginata Schoepf, 1792). Sie gilt als die größte Landschildkrötenart der Gattung Testudo und ist ein wahres Relikt der Erdgeschichte.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Natur & Umwelt – Mit ihrer meist dunklen, fast schwarzen Panzerfärbung und den weit ausladenden Randschilden erinnert sie an gepanzerte Krieger vergangener Zeiten. Ihre elegante, taillierte Körperform und die massiven Schuppen verleihen ihr ein unverwechselbares Erscheinungsbild. Die Breitrandschildkröte ist nicht nur ein Symbol mediterraner Wildnis, sondern auch ein wichtiger Indikator für die Gesundheit der Ökosysteme in Südosteuropa. Besonders in Griechenland, wo sie noch in freier Wildbahn vorkommt, verkörpert sie die Schönheit, aber auch die Verletzlichkeit der mediterranen Natur.
Der Rückenpanzer (Carapax) der Breitrandschildkröte ist langgestreckt und in der Mitte deutlich tailliert – ein Merkmal, das sie von anderen europäischen Landschildkröten unterscheidet. Die hinteren Randschilde sind bei älteren Männchen auffallend breit und oft gesägt oder aufgewölbt. Dieses Merkmal gab der Art ihren deutschen Namen. Erwachsene Tiere erreichen in freier Wildbahn eine Panzerlänge von bis zu 34 cm, in Gefangenschaft sogar bis zu 40 cm.
Die Grundfarbe des Panzers ist tiefschwarz, durchzogen von helleren Flecken in den Vertebral- und Costalschilden. Auf der Unterseite (Plastron) finden sich markante, paarig angeordnete, dunkle Dreiecke, deren Spitzen nach hinten zeigen. Die Vorderbeine sind mit großen, dachziegelartig überlappenden Schuppen bedeckt, die als Schutzpanzer gegen Raubtiere und raues Terrain dienen.
Ein besonderes Merkmal ist der Geschlechtsdimorphismus: Anders als bei vielen anderen Schildkrötenarten sind hier die Männchen größer als die Weibchen. Sie besitzen außerdem einen längeren, kräftigeren Schwanz und einen konkaven Bauchpanzer, der bei der Paarung eine wichtige Rolle spielt. Die Jungtiere hingegen haben noch einen rundlichen Panzer ohne den typischen breiten Rand. Ihr hellgelber Panzer zeigt eine feine dunkle Umrandung, die im Laufe der Jahre immer stärker wird – bis die Tiere das charakteristische Muster fast schwarzer Panzer mit hellen Flecken entwickeln.

Obwohl Testudo marginata nur ein relativ kleines Verbreitungsgebiet hat, zeigt sie eine erstaunliche morphologische Vielfalt. Diese Unterschiede führten in der Vergangenheit mehrfach zu Diskussionen über mögliche Unterarten. So beschrieb Mayer 1992 die sardische Form als Testudo marginata sarda, da die dortigen Tiere weniger ausgeprägte, nicht so stark gezackte Randschilde besitzen. Spätere genetische Untersuchungen zeigten jedoch, dass diese Populationen vom Menschen eingeführt wurden und keine eigenständige Unterart darstellen.
Eine ähnliche Situation gibt es bei kleinen, gedrungenen Schildkrötenpopulationen in Griechenland. Der französische Zoologe Bour bezeichnete sie 1995 als Testudo weissingeri, was sich jedoch ebenfalls nicht genetisch bestätigen ließ. Die kleineren Körperformen resultieren wahrscheinlich aus nährstoffarmen Lebensräumen – ein klassisches Beispiel für ökologische Anpassung innerhalb einer Art.
Das natürliche Verbreitungsgebiet der Breitrandschildkröte erstreckt sich über das südliche Griechenland, vom Peloponnes über Mittelgriechenland bis hin zu den Ausläufern des Olymp-Gebirges. Auch im südlichen Albanien finden sich kleinere Populationen. Besonders bekannt sind Vorkommen auf den Ägäischen Inseln, darunter Skyros und Poros. Diese inselartigen Lebensräume bieten Rückzugsgebiete für stabile, wenn auch isolierte Populationen. Auf Sardinien und im italienischen Toskana-Gebiet bei Livorno leben ebenfalls Breitrandschildkröten, die allerdings als eingebürgert gelten.
In Griechenland bevorzugt die Art felsige, trockene und gebirgige Landschaften, häufig in Höhenlagen bis zu 1600 Metern. Sie lebt in offenen Buschlandschaften, lichten Eichenwäldern und steinigen Wiesen mit reicher Kräuterflora. Die dunkle Panzerfärbung hilft ihr, sich in den kühlen Morgenstunden schnell aufzuwärmen – eine lebenswichtige Anpassung an das kontinentale Mittelmeerklima.
Die Breitrandschildkröte ist eine ausgesprochene Tagaktivistin, die ihre Aktivität stark nach der Temperatur richtet. Frühmorgens verlässt sie ihre Unterschlüpfe, um sich in der Sonne aufzuwärmen. Danach begibt sie sich auf Nahrungssuche – meist auf Wiesen und in offenen Hängen. Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Wildkräutern, Gräsern, Blüten und Sukkulenten. Doch bei Nahrungsknappheit frisst sie gelegentlich auch tierisches Eiweiß, etwa Schnecken oder Regenwürmer. Diese Flexibilität ist besonders für Jungtiere und trächtige Weibchen wichtig, da sie einen erhöhten Nährstoffbedarf haben. Während der heißen Mittagsstunden ziehen sich die Tiere in den Schatten von Felsen oder Buschwerk zurück. Erst gegen Abend werden sie wieder aktiv.
Nach der Winterruhe – der sogenannten Kältestarre – beginnt im Frühling die Paarungszeit. Die Männchen werden dabei ausgesprochen aktiv: Sie umkreisen die Weibchen, stoßen sie mit dem Panzer, beißen in deren Beine und geben dabei laute, gutturale Schreie von sich. Nach erfolgreicher Paarung gräbt das Weibchen mit ihren kräftigen Hinterbeinen eine Bruthöhle, legt dort bis zu 15 Eier ab und verschließt das Nest sorgfältig. In besonders günstigen Jahren kann sie bis zu drei Gelege pro Sommer produzieren. Die Brutdauer beträgt in der Natur etwa 100 Tage, im Inkubator bei 31,5 °C nur rund 60 Tage. Nach dem Schlupf bleiben die winzigen Jungtiere noch etwa zwei Wochen unter der Erde, geschützt vor Hitze und Fressfeinden. Über das Wachstum in der Natur ist wenig bekannt, doch in Gefangenschaft erreichen manche Tiere ein biblisches Alter von bis zu 100 Jahren – ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Robustheit.

Wie alle europäischen Landschildkröten steht auch Testudo marginata unter strengem internationalem Schutz. Sie ist in CITES Anhang II sowie im Anhang A der EU-Artenschutzverordnung gelistet und fällt damit unter die meldepflichtigen Arten in Deutschland. In der Europäischen Union wird die Breitrandschildkröte zudem in den Anlagen II und IV der FFH-Richtlinie geführt. Das bedeutet, dass sie zu den Arten gehört, für die besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Diese Maßnahmen sind dringend notwendig, da Lebensraumzerstörung, Straßenbau und illegale Tierentnahmen die Populationen in Griechenland weiterhin bedrohen. (jk)




