Thessaloniki erlebt derzeit eine verkehrspolitische Zäsur. Nach Jahrzehnten des Wartens, Planens, Verwerfens und Neubeginns ist die Metro der zweitgrößten griechischen Stadt nicht länger Vision, sondern gelebte Realität. Seit Ende November 2024 rollt – oder besser gesagt: gleitet – die erste vollautomatische, fahrerlose U-Bahn Griechenlands durch die Tunnel unter der Metropole am Thermaischen Golf. Und schon Anfang 2026 soll das Netz weiter wachsen.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Aktuell – Die Metro Thessaloniki (Μετρό Θεσσαλονίκης) steht dabei nicht nur für moderne Mobilität, sondern auch für einen außergewöhnlichen Spagat zwischen Hightech und Geschichte. Kaum ein anderes Infrastrukturprojekt in Europa musste sich so intensiv mit archäologischen Hinterlassenschaften auseinandersetzen – und hat sie zugleich so sichtbar in den Alltag integriert.

Die derzeit in Betrieb befindliche Hauptlinie, offiziell als Linie 1 oder „Base Project“ bezeichnet, misst 9,6 Kilometer und umfasst 13 Stationen. Sie verbindet den neuen Bahnhof im Westen der Stadt mit Nea Elvetia im Osten und durchquert dabei zentrale Stadtviertel. Am 30. November 2024 wurde sie nach einer langen Phase der Bau- und Systemtests offiziell eröffnet. Seitdem läuft der fahrplanmäßige Betrieb.
Besonders bemerkenswert: Die Metro ist vollständig automatisiert und kommt ohne Fahrerinnen und Fahrer aus. Gesteuert wird der Betrieb über ein hochmodernes Leitsystem, betrieben vom Konsortium Thessaloniki Metro Automatic (THEMA), einem Zusammenschluss französischer und italienischer Unternehmen. Fachleute bezeichnen den Betrieb bereits jetzt als einen der modernsten in Europa.
Ein Alleinstellungsmerkmal der Thessaloniki Metro sind ihre Stationen. Mehrere Haltepunkte wurden so konzipiert, dass bedeutende archäologische Funde direkt in die Architektur integriert sind. Besonders die Station Venizelou gilt als spektakulär: Hier können Fahrgäste antike Straßenzüge, Werkstätten und Alltagsgegenstände aus byzantinischer Zeit betrachten – eingebettet in Glas, Stahl und Beton.
Diese Verbindung von Mobilität und kulturellem Erbe war zugleich einer der Hauptgründe für die jahrelangen Verzögerungen. Immer wieder legten neue Funde die Baustellen lahm, Planungen mussten angepasst, Tunnel verlegt und Konzepte überarbeitet werden.
Während die Hauptlinie bereits täglich tausende Fahrgäste befördert, laufen die Arbeiten an der zweiten Linie auf Hochtouren. Die sogenannte Kalamaria-Erweiterung (Linie 2) soll das Netz um weitere 4,8 Kilometer verlängern und fünf zusätzliche Stationen erschließen. Geplant sind die Haltepunkte Nomarchia, Kalamaria, Aretsou, Nea Krini und Mikra.
Diese Erweiterung bindet erstmals den dicht besiedelten Südosten der Stadt direkt an das Metronetz an. Die Inbetriebnahme ist nach aktuellem Stand für das erste Quartal 2026 vorgesehen. Noch wird gebaut, getestet und feinjustiert – doch das Ziel ist klar: ein durchgängiges, leistungsfähiges Schnellbahnsystem für den Großraum Thessaloniki.
Mit der vollständigen Inbetriebnahme beider Linien rechnen die Verantwortlichen mit mehr als 300.000 Fahrgästen pro Tag. Das hätte spürbare Auswirkungen auf den Autoverkehr, der Thessaloniki seit Jahrzehnten belastet. Staus, Lärm und Abgase prägen bislang den urbanen Alltag – die Metro soll hier zum zentralen Gegenmodell werden.
Stadtplaner und Verkehrsexperten sehen in dem Projekt einen entscheidenden Schritt hin zu nachhaltiger Mobilität. Die schnelle, zuverlässige Verbindung quer durch die Stadt könnte viele Menschen zum Umstieg bewegen und so auch die Lebensqualität im Zentrum erhöhen.
Der Bau der Metro ist eines der teuersten Infrastrukturvorhaben in der Geschichte Griechenlands. Die Gesamtkosten werden auf rund drei Milliarden Euro beziffert, inklusive zukünftiger Zinszahlungen von etwa 600 Millionen Euro. Umgerechnet entspricht dies heute rund 3,34 Milliarden US-Dollar.
Finanziert wird das Projekt überwiegend durch Kredite der Europäischen Investitionsbank sowie Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Ergänzt werden diese durch Beiträge der griechischen Regierung. Die Bauarbeiten selbst wurden von einem griechisch-italienischen Konsortium ausgeführt und vom staatlichen Unternehmen Elliniko Metro überwacht, das bereits für den Bau der Athener U-Bahn und Straßenbahn verantwortlich war.
Dass Thessaloniki heute über eine Metro verfügt, ist das Ergebnis eines ungewöhnlich langen historischen Prozesses. Erste Überlegungen zu einem unterirdischen Verkehrssystem reichen bis in die 1910er Jahre zurück. Konkreter wurden die Pläne jedoch erst in den 1980er Jahren. Der tatsächliche Baubeginn der Hauptlinie erfolgte 2006, die Arbeiten an der Kalamaria-Erweiterung starteten 2013.
Zwischenzeitlich brachten nicht nur archäologische Herausforderungen, sondern auch die griechische Finanzkrise das Projekt immer wieder ins Stocken. Zeitpläne wurden kassiert, Eröffnungen verschoben, Kosten neu kalkuliert. Umso größer ist heute die symbolische Bedeutung der Metro: Sie steht für Durchhaltevermögen, europäische Zusammenarbeit und den Willen zur Modernisierung.
Mit der bevorstehenden Erweiterung wird die Metro Thessaloniki endgültig aus der Test- und Anlaufphase heraustreten. Für viele Einwohnerinnen und Einwohner ist sie bereits jetzt mehr als ein Verkehrsmittel – sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass große Projekte trotz widriger Umstände gelingen können.
Wenn im Frühjahr 2026 die Züge auch nach Kalamaria fahren, dürfte sich das Stadtbild nachhaltig verändern. Thessaloniki wird dann nicht nur oberirdisch von Geschichte geprägt sein, sondern auch unterirdisch von Zukunft. (mav)





