Maastricht hat am vergangenen Montag einen Konzertabend erlebt, der sich weniger als bloße Darbietung denn als vielschichtiges Ereignis aus Musik, Bewegung und politischer Artikulation erwies.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Magazin – In der Muziekgieterij, im kreativen Umfeld des Sphinx-Quartiers gelegen, trat Femi Kuti im Rahmen seiner aktuellen Europatournee auf und stellte dabei eindrucksvoll unter Beweis, dass der Afrobeat auch im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt hat. Der Auftritt am 6. April entwickelte sich bereits in den ersten Minuten zu einem dichten musikalischen Geflecht. Ohne lange Einführung setzte die Band The Positive Force ein, deren präzises Zusammenspiel sofort jene rhythmische Komplexität entfaltete, die das Genre seit seinen Anfängen prägt. Bläserriffs, synkopierte Gitarrenfiguren und ein unnachgiebiger Bass verbanden sich zu einem Klangkörper, der den Raum nicht nur füllte, sondern regelrecht strukturierte.
Im Zentrum stand Femi Kuti selbst, der zwischen Saxophon, Trompete, Gesang und Keyboard wechselte und dabei die Rolle eines Dirigenten einnahm, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Seine Präsenz wirkte kontrolliert und fokussiert, getragen von jahrzehntelanger Bühnenerfahrung. Dass er als Sohn des Afrobeat-Begründers Fela Kuti aufgewachsen ist, wurde an diesem Abend nicht als Last, sondern als Ausgangspunkt einer eigenständigen künstlerischen Entwicklung sichtbar.

Das Publikum reagierte früh mit spürbarer Aufmerksamkeit, die sich im Verlauf des Konzerts in körperliche Beteiligung verwandelte. Die Musik ließ kaum Raum für Distanz; sie forderte Bewegung ein und erzeugte zugleich eine Form der kollektiven Konzentration. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch die Tänzerinnen und Tänzer der Formation, deren Choreografien die rhythmischen Strukturen visuell aufgriffen und verstärkten.
Inhaltlich spannte das Programm einen Bogen zwischen älteren Kompositionen und Stücken des aktuellen Albums „Journey Through Life“, das 2025 erschienen ist und international breite Resonanz fand. Während frühere Werke vor allem durch ihre direkte politische Anklage geprägt sind, zeigten die neuen Titel eine erweiterte Perspektive. Persönliche Themen wie familiäre Bindungen und individuelle Entwicklung traten stärker hervor, ohne die gesellschaftskritische Grundhaltung aufzugeben.
Gerade diese Verbindung von Privatem und Politischem verlieh dem Konzert eine besondere Dichte. Femi Kuti nutzte die musikalischen Übergänge, um sich mehrfach direkt an das Publikum zu wenden. Seine Ansprachen blieben knapp, aber präzise; sie thematisierten globale Ungleichheiten, strukturelle Ungerechtigkeit und die Verantwortung kultureller Ausdrucksformen in einer vernetzten Welt.
Die stilistische Offenheit seines Ansatzes zeigte sich auch in den musikalischen Details. Elemente aus Funk und Jazz verbanden sich mit Einflüssen aus R&B, Rock und Hip-Hop, ohne den charakteristischen Puls des Afrobeat zu verwässern. Diese Erweiterung des Klangspektrums ist Ausdruck einer Entwicklung, die Femi Kuti seit der Gründung seiner Band The Positive Force im Jahr 1986 konsequent verfolgt.
Seine Biografie bildet dabei einen Hintergrund, der an diesem Abend immer wieder mitschwang. 1962 in London geboren und in Lagos aufgewachsen, begann seine musikalische Laufbahn in der Band seines Vaters. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn galt lange als angespannt, ehe es gegen Ende von Fela Kutis Leben zu einer späten Anerkennung kam. Diese biografische Konstellation hat Femi Kuti nicht nur geprägt, sondern offenbar auch dazu veranlasst, eigene inhaltliche Akzente zu setzen – etwa in seiner klaren Positionierung gegen Sexismus und Drogen.
Neben seiner musikalischen Arbeit engagiert sich Kuti seit Jahren auch auf internationaler Ebene, unter anderem als Botschafter für Bildungsinitiativen. Diese Haltung fand im Konzert ihren Widerhall, ohne in programmatische Schwere zu kippen. Vielmehr blieb die Balance zwischen Unterhaltung und Anspruch gewahrt, was sich auch in der Reaktion des Publikums widerspiegelte. Die Muziekgieterij erwies sich dabei als geeigneter Rahmen. Das ehemalige Industrieareal des Sphinx-Viertels, das heute als kulturelles Zentrum gilt, bot eine Atmosphäre, die sowohl Offenheit als auch Konzentration zuließ. Die Nähe zwischen Bühne und Publikum verstärkte den Eindruck eines gemeinsamen Erlebens, das sich nicht auf die Dauer des Konzerts beschränkte.
Der Auftritt in Maastricht ist Teil einer größeren Tournee, die Femi Kuti nach einer Winterpause zurück auf europäische Bühnen führt. Nach Stationen in mehreren Ländern stehen in Deutschland unter anderem Konzerte in Köln, Berlin und Hamburg auf dem Programm. Die internationale Aufmerksamkeit, die er zuletzt auch durch Kooperationen – etwa mit der Band Coldplay – erfahren hat, bildet dabei den Kontext für eine Karriere, die sich weiterhin in Bewegung befindet.
In Maastricht wurde dieser Prozess greifbar. Der Abend zeigte einen Künstler, der sein musikalisches Erbe nicht konserviert, sondern weiterentwickelt und in neue Zusammenhänge stellt. Die Verbindung aus rhythmischer Präzision, thematischer Klarheit und performativer Intensität machte das Konzert zu einem Ereignis, das sich dem schnellen Vergessen entzieht. (sk)





