Am südlichen Ufer Siziliens, dort wo die Mittelmeerwellen leise an den Strand schlagen, liegt eine Stadt, die ein faszinierendes Kapitel europäischer Geschichte birgt: Gela.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Die Stadt ist nicht nur ein bedeutendes archäologisches Zentrum, sondern auch ein lebendiges Denkmal der Hellenisierung Siziliens. Gegründet wurde Gela im Jahr 688 v. Chr. von dorischen Siedlern aus Rhodos und Kreta – 45 Jahre nach der Gründung von Syrakus. Damit zählt Gela zu den ältesten griechischen Kolonien auf der Insel. Die Neuankömmlinge benannten die Stadt nach dem gleichnamigen Fluss Gela und machten sie rasch zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Region. Von hier aus wurde unter anderem auch das mächtige Akragas (heute Agrigent) gegründet.
Die Bedeutung Gelas als griechisches Zentrum kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Archäologische Funde wie dorische Tempel, antike Münzen, attische Vasen und Terrakotta-Statuen zeugen von einer Blütezeit, die weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlte. Die Akropolis im heutigen Stadtteil Molino a Vento und die imposanten Stadtmauern von Capo Soprano aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. sind eindrucksvolle Zeugnisse dieser Ära.
Besonders bemerkenswert ist, dass sich der berühmte Tragödiendichter Aischylos im Jahr 456 v. Chr. in Gela niederließ und dort verstarb – ein Zeichen dafür, welchen Ruf die Stadt im klassischen Griechenland genoss. Auch der berühmte Tyrann Gelon, späterer Herrscher von Syrakus, regierte zunächst über Gela und setzte von hier aus seine politischen Ambitionen um.
Doch Gela erlebte auch die Schattenseiten der Geschichte. Im Jahr 405 v. Chr. fiel die Stadt den Karthagern zum Opfer: geplündert und zerstört. Obwohl sie später neu aufgebaut wurde, bedeutete die Eroberung durch die Mamertiner im Jahr 282 v. Chr. das endgültige Ende der antiken Stadt. Die überlebenden Einwohner wurden von Phintias von Akragas im heutigen Licata neu angesiedelt.
Die Stadt erlebte eine Wiedergeburt erst im Mittelalter, als Friedrich II. im Jahr 1233 Gela unter dem Namen Terranova di Sicilia neu gründete – ein Name, den sie bis 1928 trug, bevor sie wieder zu ihrem ursprünglichen Namen zurückkehrte.
Heute ist Gela nicht nur eine moderne sizilianische Stadt mit rund 70.000 Einwohnern, sondern auch ein Magnet für Geschichtsinteressierte, Archäologen und Touristen. Das Archäologische Museum bietet einen umfassenden Einblick in die antike Welt – von der Gründung über die griechische Blütezeit bis zur Zerstörung. Sommerliche Theateraufführungen antiker Tragödien auf den Ausgrabungsstätten schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und lassen den griechischen Geist der Stadt weiterleben.
Gela ist mehr als nur eine sizilianische Stadt – sie ist ein lebendiger Beweis dafür, wie stark die griechische Kultur Europa prägte. Zwischen dorischen Säulen, Stadtmauern aus Kalktuff und dem Rauschen des Mittelmeers bleibt das Erbe der Hellenen nicht nur sichtbar, sondern spürbar. (sk)





