Amy Macdonald entfachte im Kölner Palladium ein Folkrock-Feuerwerk

Es gibt diese Abende, an denen ein Konzertsaal schon Minuten vor dem ersten Ton wie unter Strom steht. Im restlos gefüllten Palladium war es ein solches Knistern, das sich durch die Reihen zog, als sich die Türen schlossen und kein weiterer Besucher mehr eingelassen wurde.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Sabine Jandeleit

Magazin – Rund 4000 Menschen drängten sich in der Halle, die Luft warm, erwartungsvoll, beinahe elektrisiert. Dann trat eine Frau auf die Bühne, die seit 2007 mit erstaunlicher Konstanz ihren Platz im europäischen Pop behauptet: Amy Macdonald. Köln war eine Station ihrer „Is This What You’ve Been Waiting For?“-Tour, benannt nach dem sechsten Studioalbum der Schottin, das im Sommer erschienen ist und ihr in der Heimat den Scottish Music Award in der Kategorie „Bestes Album“ einbrachte. Fünf Jahre hatte sie sich seit dem Vorgänger Zeit gelassen. Nun steht sie wieder im Zentrum eines ausgedehnten Tourplans – und wirkt, als habe sie nie pausiert.

Foto: Hellas-Bote/Sabine Jandeleit

Den Auftakt des Abends gestaltete das Projekt Better Joy. Hinter dem Namen verbirgt sich die Sängerin Bria Keely aus Manchester, die mit ihrer Band einen Kontrast aus Leichtigkeit und Ernst etablierte. Gleich zu Beginn erklang „What a Day“, ein Song über Generationentrauma. Keely sprach von familiären Prägungen, vom Weiterreichen emotionaler Lasten – Themen, die im Pop selten mit solcher Offenheit adressiert werden. Musikalisch jedoch blieb der Zugriff hell und energetisch, Gitarrenläufe changierten zwischen Indie-Pop und dunklerem Alternative-Sound. Nach knapp dreißig Minuten verabschiedete sich die Band unter kräftigem Applaus; Keely mischte sich anschließend ins Publikum und verteilte Flyer – eine fast altmodische Geste direkter Ansprache.

Als gegen 20 Uhr die Lichter erneut gedimmt wurden, brandete Jubel auf, der die Stahlträger der Industriehalle erzittern ließ. Amy Macdonald erschien ohne Pathos, mit Akustikgitarre, schwarzem Outfit, konzentriertem Lächeln. Der Titelsong „Is This What You’ve Been Waiting For?“ setzte den ersten Akzent – druckvoll, schnörkellos, von der Band mit klar konturiertem Schlagzeug und markanten Gitarren getragen. Schon nach wenigen Takten sang das Publikum mit.

Es folgten „Dream On“ und „The Hudson“, neuere Stücke, die von Fernweh und Selbstvergewisserung erzählen. Macdonalds Stimme, dieses unverwechselbare Organ zwischen rauer Bodenständigkeit und hymnischer Weite, trug mühelos durch die Halle. „Walking along the Hudson, singing you my love song“.

Foto: Hellas-Bote/Sabine Jandeleit

Zwischen den Songs zeigte sich die 1987 im Glasgower Vorort Bishopbriggs geborene Musikerin gelöst und humorvoll. Mit trockenem schottischem Witz kommentierte sie die Länge der Tour, wechselte ins Deutsche für ein herzliches „Willkommen Köln“ und lachte über ihren eigenen Akzent. Diese Mischung aus Weltläufigkeit und Provinzstolz ist seit jeher Teil ihrer künstlerischen Identität.

Macdonalds Weg begann früh. Mit zwölf Jahren griff sie zur Gitarre, beeinflusst unter anderem von Travis. Ein Konzert von Pete Doherty in Glasgow wurde für sie zum Schlüsselerlebnis. Statt eines geplanten Studiums schrieb sie eigene Songs, trat als Jugendliche allein auf und landete 2007 mit „Mr Rock & Roll“ ihren ersten Chart-Erfolg. Das Debütalbum „This Is the Life“ führte sie an die Spitze mehrerer europäischer Hitlisten, spätere Werke wie „A Curious Thing“, aufgenommen im Studio von Paul Weller, oder „The Human Demands“ festigten ihren Ruf als verlässliche Songwriterin zwischen Folk und Rock.

Im Palladium verzichtete sie auf jede Form überbordender Inszenierung. Keine Videowände, keine Choreographien – stattdessen eine Band, die hörbar eingespielt ist. Die Arrangements wirkten kompakt, manchmal bewusst reduziert. Bei „Slow It Down“ überließ Macdonald dem Publikum die mehrstimmigen Backing Vocals. Die Halle verwandelte sich in einen vielstimmigen Chor, der Refrain schwoll an, ebbte ab, setzte erneut ein.

Mit „Don’t Tell Me That It’s Over“ und „Mr Rock & Roll“ griff sie tief in das frühe Repertoire. Hier zeigte sich, wie sehr diese Lieder Teil einer kollektiven Pop-Erinnerung geworden sind. Kaum eine Stimme im Saal, die nicht jede Zeile kannte. Die Band erhöhte das Tempo, das Schlagzeug trieb, Gitarrensoli setzten pointierte Akzente.

Mitten im Konzert kam es zu einer Unterbrechung: Während „Can You Hear Me?“ bemerkte Macdonald einen medizinischen Notfall im vorderen Bereich. Sie stoppte die Musik sofort, bat um Licht im Saal und wartete, bis die Sanitäter ihre Arbeit getan hatten. Erst nach Entwarnung nahm die Band den Faden wieder auf. Was diesen Abend prägte, war weniger spektakuläre Effekthascherei als eine Form konzentrierter Bühnenarbeit. Amy Macdonald agierte gut gelaunt, publikumsnah, mit jenem schottischen Humor, der auch Selbstironie kennt. Sie sprang nicht, sie posierte nicht – sie spielte. Und sie sang, mit einer Intensität, die die ausverkaufte Halle vom ersten bis zum letzten Ton trug. (sk)

Foto: Hellas-Bote/Sabine Jandeleit