ADHS gilt noch immer vielen als typische Kinderdiagnose. Doch längst ist wissenschaftlich belegt, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht.
Von HB-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Magazin – Während hyperaktive Symptome bei Kindern häufig sofort auffallen, zeigt sich ADHS bei Erwachsenen oft deutlich subtiler – mit weitreichenden Folgen für Beruf, Beziehungen und seelische Gesundheit. Genau hier setzt die Arbeit von ADHS Deutschland e. V. an, einem bundesweit aktiven Selbsthilfeverein, der seit Jahren Aufklärung, Vernetzung und Unterstützung leistet.
Im Erwachsenenalter äußert sich ADHS meist weniger durch sichtbare Unruhe als vielmehr durch innere Anspannung, chronische Desorganisation und anhaltende Konzentrationsprobleme. Viele Betroffene berichten davon, dass sie Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu strukturieren, Aufgaben zu priorisieren oder Termine zuverlässig einzuhalten. Projekte werden begonnen, aber nicht abgeschlossen, Fristen geraten aus dem Blick, und selbst alltägliche Abläufe können zur Überforderung werden. Die Folgen reichen von beruflichen Problemen bis hin zu finanziellen Schwierigkeiten.
Hinzu kommt bei vielen Erwachsenen mit ADHS eine ausgeprägte Impulsivität. Gespräche werden unterbrochen, Gedanken ungefiltert ausgesprochen, Entscheidungen spontan getroffen. Beziehungen können darunter ebenso leiden wie Arbeitsverhältnisse. Manche Betroffene wechseln häufig den Arbeitsplatz oder kündigen aus dem Affekt, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. Auch im Straßenverkehr kann Impulsivität problematisch werden, etwa durch riskantes Fahrverhalten oder mangelnde Geduld.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die emotionale Regulation. Erwachsene mit ADHS haben oft eine geringe Frustrationstoleranz, reagieren schnell gereizt und empfinden Stress intensiver als andere. In Belastungssituationen fällt es ihnen schwer, ihre Pflichten zu erfüllen oder langfristige Ziele zu verfolgen. Viele berichten von einem ständigen Gefühl des Scheiterns, das sich über Jahre hinweg verfestigen kann. Ein geringes Selbstwertgefühl ist keine Seltenheit und kann den Boden für weitere psychische Erkrankungen bereiten.
Die Abgrenzung und korrekte Diagnostik von ADHS im Erwachsenenalter ist daher von großer Bedeutung. Fachleute betonen, dass eine Diagnose sorgfältig und umfassend gestellt werden muss, um Fehlbehandlungen zu vermeiden. Die Kriterien orientieren sich grundsätzlich an denen für Kinder, müssen jedoch an die Lebensrealität Erwachsener angepasst werden. Entscheidend ist, dass die Symptome bereits in der Kindheit begonnen haben, in mehreren Lebensbereichen auftreten und das soziale oder berufliche Leben deutlich beeinträchtigen. Mindestens sechs Anzeichen aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität müssen vorliegen.
Viele Erwachsene mit ADHS haben in ihrer Kindheit nie eine entsprechende Diagnose erhalten. Für sie gibt es spezielle Instrumente wie die Wender-Utah-Rating-Scale, die eine rückblickende Einschätzung ermöglichen. Diese ist nicht nur diagnostisch relevant, sondern auch Voraussetzung dafür, dass bei Bedarf eine medikamentöse Behandlung erfolgen darf. Gleichzeitig ist es wichtig, andere psychische Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können. ADHS wird nicht selten mit Persönlichkeitsstörungen wie dem Borderline-Syndrom oder mit bipolaren Störungen verwechselt.
Erschwerend kommt hinzu, dass ADHS bei Erwachsenen häufig mit sogenannten Begleiterkrankungen einhergeht. Dazu zählen unter anderem Depressionen, soziale Verhaltensstörungen, Tic-Störungen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeiten. In vielen Fällen entwickeln sich diese Probleme als Folge der unbehandelten ADHS. Alkohol oder Drogen werden dann zum Versuch, innere Unruhe zu dämpfen oder Konzentrationsprobleme zu kompensieren – mit teils gravierenden Konsequenzen.
Die medizinische und therapeutische Versorgung von Erwachsenen mit ADHS erfolgt in der Regel durch Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie, psychosomatische Medizin oder Neurologie sowie durch ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Junge Volljährige sollten frühzeitig nach geeigneten Behandlern suchen, da die Wartezeiten oft lang sind. In manchen Fällen ist eine Weiterbehandlung bei Kinder- und Jugendpsychiatern bis zum 21. Lebensjahr möglich.
Neben der medizinischen Versorgung spielt die Selbsthilfe eine zentrale Rolle. Hier kommt ADHS Deutschland e. V. eine besondere Bedeutung zu. Der gemeinnützige Verein arbeitet bundesweit auf ehrenamtlicher Basis und ist auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene aktiv. Mit über 200 Selbsthilfegruppen – sowohl vor Ort als auch virtuell – bietet er Betroffenen und Angehörigen niedrigschwellige Anlaufstellen zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein bundesweites Telefonberaternetz, das Ratsuchenden erste Orientierung bietet.
ADHS Deutschland e. V. versteht sich nicht nur als Selbsthilfeorganisation, sondern auch als Informationsplattform. Auf seiner Homepage, in sozialen Medien und in gedruckten Materialien stellt der Verein fundierte Informationen zu ADHS, Begleitstörungen und verwandten Themen bereit. Dabei legt er großen Wert auf fachliche Qualität und Aktualität. Um diese zu sichern, werden regelmäßig Fortbildungen für die Leitungen der Selbsthilfegruppen und für ehrenamtlich Aktive angeboten.
Darüber hinaus organisiert der Verein regionale und überregionale Fortbildungsveranstaltungen, die sich an Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und weitere Interessierte richten. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und den Dialog zwischen den verschiedenen Beteiligten zu fördern. In diesem Zusammenhang regt ADHS Deutschland e. V. auch die Durchführung von Projekten an und unterstützt die Umsetzung innovativer Ideen, die den Alltag von Menschen mit ADHS verbessern können.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Vernetzungsarbeit. Der Verein initiiert und unterstützt die Mitarbeit in Arbeitskreisen und Netzwerken und ist bei regionalen, überregionalen und internationalen Veranstaltungen präsent. Durch Vorträge und Fachbeiträge bringt ADHS Deutschland e. V. die Perspektive der Betroffenen in wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Diskussionen ein. Gleichzeitig pflegt der Verein Kontakte zu nationalen und internationalen Organisationen mit ähnlicher Zielsetzung, um die Interessen von Menschen mit ADHS koordiniert zu vertreten – insbesondere auf politischer Ebene.
Auch die Forschung ist ein wichtiges Anliegen. ADHS Deutschland e. V. unterstützt die Ursachenforschung sowie Studien zur Diagnostik und Therapie von ADHS in allen Lebensaltern und zu den häufigen Begleitstörungen. Die Arbeit des Vereins folgt einem trialogischen Ansatz, der Betroffene, Angehörige und Fachleute gleichermaßen einbezieht. Grundlage sind wissenschaftlich belegbare Erkenntnisse, Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen, politische Neutralität und Unabhängigkeit von Sponsoring.
In einer Gesellschaft, in der Leistungsfähigkeit, Selbstorganisation und emotionale Stabilität hohe Anforderungen stellen, geraten Erwachsene mit ADHS leicht an ihre Grenzen. Umso wichtiger sind fundierte Information, fachgerechte Diagnostik und verlässliche Unterstützungsangebote. ADHS Deutschland e. V. leistet hierzu seit Jahren einen wesentlichen Beitrag und macht deutlich, dass ADHS keine Randerscheinung ist, sondern ein Thema, das viele Lebensbereiche berührt. Weitere Informationen finden sich auf der Vereinswebsite unter https://adhs-deutschland.de/ (cs)





