Trotz positiver Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt bleibt soziale Not ein drängendes Problem. Fast 2,8 Millionen Menschen sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht – besonders betroffen sind Kinder und Haushalte mit geringen Einkommen.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Aktuell – Griechenlands Arbeitsmarkt zeigt deutliche Erholungstendenzen. Gleichzeitig bleibt die soziale Lage für einen erheblichen Teil der Bevölkerung angespannt. Die jüngsten verfügbaren Daten zeichnen ein widersprüchliches Bild: Während die Arbeitslosigkeit weiter zurückgeht, lebt mehr als ein Viertel der Bevölkerung in einem Haushalt, der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht ist. Die wirtschaftliche Erholung kommt damit nicht bei allen Menschen gleichermaßen an.
Nach Angaben der griechischen Statistikbehörde ELSTAT lag die Arbeitslosenquote im August 2026 bei 7,4 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie noch 8,8 Prozent betragen. Die Zahl der Arbeitslosen sank innerhalb eines Jahres um rund 67.000 auf 350.800 Menschen. Gegenüber Juli 2026 ging sie um weitere rund 25.700 zurück. Die Zahlen wurden am 30. September veröffentlicht. Quelle: ELSTAT, Arbeitsmarktdaten August 2026; Bericht des öffentlich-rechtlichen Senders ERT.
Der Rückgang ist ein wichtiges Signal für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Er bedeutet jedoch nicht, dass die sozialen Folgen der jahrelangen Wirtschaftskrise überwunden wären. Arbeitslosigkeit ist nur ein Indikator für die wirtschaftliche Lage. Niedrige Einkommen, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, hohe Wohnkosten und fehlende finanzielle Rücklagen können auch Menschen belasten, die einer Arbeit nachgehen.
Wie groß die soziale Herausforderung weiterhin ist, zeigt die jüngste Erhebung zu Armut und Lebensbedingungen der griechischen Statistikbehörde. Laut der am 19. März 2026 veröffentlichten Untersuchung waren 27,5 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das entspricht rund 2,797 Millionen Menschen.
Ein Jahr zuvor hatte der Anteil bei 26,9 Prozent gelegen. Damit stieg er um 0,6 Prozentpunkte. Die Erhebung beruht auf der Haushaltsbefragung EU-SILC 2025; die zugrunde liegenden Einkommensdaten beziehen sich auf das Jahr 2024. Es handelt sich also nicht um eine vollständige Bestandsaufnahme der Einkommen des laufenden Jahres 2026.
Die europäische Statistikbehörde Eurostat bestätigt die Größenordnung. Griechenland gehörte 2025 mit einer Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von 27,5 Prozent zu den Ländern mit den höchsten Werten in der Europäischen Union. Höher lag der Anteil lediglich in Bulgarien mit 29,0 Prozent; Rumänien erreichte 27,4 Prozent. EU-weit waren 20,9 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Quellen: ELSTAT, Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung, 19. März 2026; Eurostat, 30. April 2026.
Besonders alarmierend ist die Situation von Kindern und Jugendlichen. Nach der griechischen Erhebung waren 29,6 Prozent der unter 18-Jährigen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Im Vorjahr hatte der Wert noch 27,9 Prozent betragen. Die Zahlen verweisen auf ein Problem, das über die aktuelle Einkommenssituation einzelner Familien hinausgeht. Wenn Haushalten Geld für ausgewogene Ernährung, angemessene Wohnverhältnisse, Schulmaterialien oder gesellschaftliche Teilhabe fehlt, können sich Nachteile über Jahre verfestigen.
Armut im Kindesalter bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Kind in allen Lebensbereichen benachteiligt ist. Die Statistik macht aber deutlich, wie viele Familien einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Für Politik und Sozialverbände stellt sich deshalb die Frage, ob Unterstützungsangebote ausreichend gezielt bei Kindern und ihren Familien ankommen.
Die Armutsgefährdung wird nicht ausschließlich anhand der Arbeitslosigkeit gemessen. Der europäische Indikator für Armut oder soziale Ausgrenzung umfasst drei unterschiedliche Risiken: ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, erhebliche materielle und soziale Entbehrungen sowie das Leben in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsintensität.
Nach den Angaben von ELSTAT stieg der Anteil der Bevölkerung mit materieller und sozialer Entbehrung von 14,0 Prozent im Jahr 2024 auf 14,9 Prozent im Jahr 2025. Zugleich lebten 7,6 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsintensität. Bei Frauen lag dieser Anteil mit 8,4 Prozent höher als bei Männern mit 6,9 Prozent.
Diese Werte dürfen nicht einfach addiert werden, da sich die betroffenen Gruppen überschneiden können. Sie zeigen jedoch, dass sich die soziale Lage nicht allein anhand der Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze beurteilen lässt.
Quelle: ELSTAT, Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen 2025, veröffentlicht am 19. März 2026; Zusammenfassung der Ergebnisse.
Auch beim Arbeitsmarkt ist zwischen kurzfristiger Verbesserung und langfristigen Herausforderungen zu unterscheiden. Die Europäische Kommission bezifferte die durchschnittliche griechische Arbeitslosenquote für 2025 auf 8,4 Prozent im vierten Quartal und 8,9 Prozent im Jahresvergleich. Damit lag sie weiterhin über dem EU-Durchschnitt von 6,0 Prozent.
Ein besonders hartnäckiges Problem ist die Langzeitarbeitslosigkeit. Eurostat weist für Griechenland 2025 eine Langzeitarbeitslosenquote von rund 5,0 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus. Zum Vergleich: In der Europäischen Union lag dieser Wert bei 1,9 Prozent. Als langzeitarbeitslos gelten Personen, die seit mindestens zwölf Monaten ohne Arbeit sind und aktiv nach einer Beschäftigung suchen.
Eine lange Phase ohne Beschäftigung erschwert häufig den Wiedereinstieg. Berufliche Kenntnisse können veralten, Kontakte zum Arbeitsmarkt gehen verloren und finanzielle Belastungen nehmen zu. Die Europäische Kommission verweist zudem auf Qualifikationslücken sowie unzureichende Betreuungsangebote für Kinder und ältere Menschen als strukturelle Hindernisse für die Beschäftigung.
Quellen: Europäische Kommission, Wirtschaftsprognose für Griechenland; Eurostat, Langzeitarbeitslosigkeit 2025.
Die griechische Wirtschaft wuchs 2025 nach Angaben der Europäischen Kommission um 2,1 Prozent. Für 2026 prognostizierte die Kommission im Frühjahr ein Wachstum von 1,8 Prozent. Als Wachstumstreiber nannte sie unter anderem Investitionen, privaten Konsum und Nettoexporte. Gleichzeitig warnte sie vor Belastungen für die verfügbaren Realeinkommen der Haushalte durch den Energiepreisschock. Für Menschen mit niedrigen Einkommen können steigende Ausgaben für Energie, Lebensmittel und Wohnen besonders schwer wiegen, weil ihnen weniger Geld für andere notwendige Ausgaben bleibt.
Dabei gilt es, zwischen gesicherten Zahlen und wirtschaftlicher Interpretation zu unterscheiden: Die Armutsstatistik belegt, dass das Armuts- und Ausgrenzungsrisiko gestiegen ist. Sie beweist für sich genommen jedoch nicht, dass eine einzelne Preisentwicklung oder eine bestimmte wirtschaftspolitische Entscheidung dafür verantwortlich ist. Die entscheidende Frage lautet deshalb, wie sich Wachstum, Beschäftigung und Einkommen künftig entwickeln und in welchem Umfang Haushalte mit geringen finanziellen Mitteln davon profitieren.
Griechenland steht somit vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits muss die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt stabilisiert und die Beschäftigung langfristig gesichert werden. Andererseits bleibt es notwendig, Armut, materielle Entbehrung und soziale Ausgrenzung gezielt zu bekämpfen.
Die aktuellen Zahlen liefern Anlass, Fortschritte und Defizite zugleich zu betrachten: Eine Arbeitslosenquote von 7,4 Prozent im August 2026 ist eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. Die Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung von 27,5 Prozent im Berichtsjahr 2025 zeigt jedoch, dass wirtschaftliche Erholung und soziale Sicherheit nicht dasselbe sind.
Für die Bewertung der weiteren Entwicklung werden insbesondere die nächsten Arbeitsmarktberichte, aktualisierte Einkommensdaten sowie Informationen zu Preisen, Löhnen und Wohnkosten entscheidend sein. Erst im Zusammenspiel dieser Indikatoren lässt sich beurteilen, ob die wirtschaftliche Erholung auch die Lebensbedingungen der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen nachhaltig verbessert. (mav)





