Inmitten des pulsierenden Herzens Athens, wo antike Tempel dem blauen Himmel trotzen und Mythen in den Pflastersteinen weiterleben, erhebt sich eine Institution, die seit Generationen als Quelle künstlerischer Kraft und geistiger Entfaltung gilt: die Hochschule der Bildenden Künste Athen, die Ανώτατη Σχολή Καλών Τεχνών, kurz ASFA.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Aktuell – Gegründet im Jahr 1837, in der frühen Phase des neu entstandenen griechischen Staates, war sie zunächst als Abteilung innerhalb der Nationalen Technischen Universität angegliedert. Ihre Entstehung fällt in jene Ära, in der Griechenland versuchte, nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft seine kulturelle Identität neu zu definieren – eine Identität, die tief in der klassischen Antike verwurzelt ist. 1910 schließlich erlangte die Hochschule ihre Unabhängigkeit und wurde zur autonomen Institution. Von diesem Moment an begann sie, nicht nur das Erbe hellenistischer Kunst fortzuschreiben, sondern es mit modernem Geist und avantgardistischen Visionen zu durchdringen.
Die alten Gemäuer in der Odós Patisíon 42, einst ihr Hauptsitz, atmen noch heute die Aura der historischen Umbrüche und künstlerischen Aufbrüche. Doch im Jahr 1992 erfolgte ein entscheidender Wandel: Der neue Campus in der Odós Pireós 256 – eine umgebaute Textilfabrik aus den 1950er Jahren – öffnete seine Tore. In dieser Umnutzung spiegelt sich die Philosophie der Hochschule wider: Transformation durch Kunst, Altes wird neu gedacht, Funktion wird zur Inspiration.
Die Namen, die mit der Hochschule verbunden sind, erzählen Geschichten von Generationen, die die griechische und europäische Kunst geprägt haben. Georgios Iakovidis (1853–1932), ein Hauptvertreter der Münchener Schule, war ebenso Teil dieser Geschichte wie sein Schüler Spyridon Vikatos (1878–1960). Beide trugen dazu bei, das akademische Fundament der griechischen Malerei im europäischen Kontext zu festigen.
Der impressionistische Blick Oumbertos Argyros und die historische Bildhauerkunst Giannoulis Chalepas’ (1851–1938) setzen die Tradition antiker Skulpturen in ein neues Licht. Und wenn Christos Kapralos den Meißel ansetzte, hallten die Echos phidiasischer Meisterschaft durch seine Werke. In der zyprischen Präsenz von Telemachos Kanthos vereinte sich die griechische Diaspora mit dem kulturellen Mutterland.
Die sogenannte „Generation der 30er-Jahre“ – ein Schlüsselbegriff in der griechischen Moderne – wurde durch Persönlichkeiten wie Fotis Kontoglou, Nikos Engonopoulos und Giannis Tsarouchis geprägt, allesamt Alumni oder Lehrende der Hochschule. Diese Generation suchte nach einer neuen Synthese aus westlicher Avantgarde und byzantinisch-volksnaher Ästhetik – eine Bewegung, die nur in einem Land entstehen konnte, dessen Kunstgeschichte sich von der Akropolis bis zu den Fresken des Athos-Klosters erstreckt.
Die Nachkriegskunst Griechenlands wurde ebenfalls von der ASFA tiefgreifend beeinflusst. Namen wie Yannis Moralis, Jannis Kounellis – der international als Mitbegründer der Arte Povera bekannt wurde – oder Alekos Fassianos, dessen Figurenkompositionen an mythologische Fragmente erinnern, zeigen, wie sehr die Schule auch im 20. Jahrhundert ein Nährboden für innovative, aber stets tief verwurzelte Ausdrucksformen blieb.
Nicht zuletzt sind es Persönlichkeiten wie Marina Lambraki-Plaka – Kunsthistorikerin und erste Professorin der Hochschule – oder Jannis Psychopedis, die zeigen, wie vielfältig der Einfluss der ASFA über die Jahrzehnte blieb: theoretisch fundiert, künstlerisch radikal, historisch sensibel. (sk)





